Dienstag, 21. Juli 2009

Erster Teil der Roundup-Bewilligungs-Unterlagen ist eingetroffen

Gestern Montag sind per Einschreiben eingetroffen auf meinen Antrag hin:
- Bewilligung des Produktes Roundup vom 30. Oktober 2003 (2 Seiten)
- Einstufungsverfügung "Roundup" vom 1. Oktober 2007 (2 Seiten)
Der Bewilligung von 2003 ist zu entnehmen, dass Monsanto am 14. September 1982 (!) das Erstgesuch gestellt hatte. Seither änderte sich das Zulassungsregime wohl einige Male. Drum die aktuelle Datierung: 2003. Die heute eingegangene Bewilligung entspricht wortwörtlich dem, was darüber auf der Website des BLW steht. Insofern ist dies redundante Information.

Die Einstufungsverfügung ist interessanter, denn sie hält fest, dass ein Stoff neu zusätzlich als Inhaltsstoff zu deklarieren ist: das POEA, ein Hilfsstoff in Roundup. Davon ist seit 2003 bekannt, dass es für sich alleine für Wasserorganismen toxischer ist als mit Glyphosat verarbeitet zum Handelsprodukt Roundup. Zum selben Befund kam eine Studie von Seralini et al. 2008 für menschliche Zellen (über die Studie und ihre Auswirkungen berichtete RBB vor kurzem)

Ob mir zusätzliche Dokumente ausgehändigt werden "dürfen", sei noch Gegenstand weiterer Abklärungen, heisst es im Begleitbrief. Es wird in Aussicht gestellt, dass bis Mitte August eine Zusammenfassung der wissenschaftlichen Grundlagen der Bewilligungserteilung vorliegen werde.
Weitere Dokumente aushändigen "dürfen"? Eine Zusammenfassung? Von wem verfasst? Und was fehlt darin dann warum? Nein, nein, die Arbeit könnte sich das Amt eigentlich sparen. Denn mein Antrag bezog sich auf die "Einsicht in alle Unterlagen, die die Grundlage bildeten für die Zulassung des Produktes mit der Handelsbezeichnung "Roundup", eidg. Zulassungsnummer W-2604. Einer "Zusammenfassung" fehlen unter Umständen die entscheidenden Teile, was vom Amt wohl mit einer der Ausnahmen zum Oeffentlichkeitsprinzip begründet werden wird...

Die relevante Frage ist: Lassen die Unterlagen, die das Bundesamt schliesslich öffentlich macht, erkennen, wie die Toxizitätstests mit Roundup durchgeführt wurden? Wurde nur das als Wirkstoff bezeichnete Glyphosat getestet? Oder das Endprodukt Roundup, so wie's schliesslich im Regal steht? Und: Wer hat getestet? Und: Wie alt sind die massgeblichen Tests? Mal schauen, was kommt Mitte August.

Montag, 13. Juli 2009

Kunststoffverpackungen und endokrine Disruptoren (durch Glas betrachtet...)

The Globe and Mail aus Toronto berichtet über eine Literaturstudie zum Anteil, den Nahrungsmittelverpackungen haben an den hormonaktiven Substanzen, denen wir ausgesetzt sind. Autorin ist die in Cham, ZG, arbeitende Jane Muncke. Sie geht, laut Abstract, in ihrem Artikel in "Science of The Total Environment" Volume 407, Issue 16, vom 1. August 2009, Seiten 4549-4559, von dieser Hypothese aus:
The core hypothesis of this review is that chemicals leaching from packaging into food contribute to human EDCs exposure and might lead to chronic disease in light of the current knowledge.
Sie kommt nach der Durchsicht der Literatur zum Schluss:
The widespread legal use of EDCs [endocrine disrupting compounds] in food packaging requires dedicated assessment and should be updated according to contemporary scientific knowledge.
Das stimmt wohl. Aber ein wenig irritiert es doch, dass mit diesem Artikel eine Vollzeitangestellte einer Firma, die Maschinen zur Herstellung von Glasbehältern verkauft, den Finger auf die wunden Punkte bei den Produkten der Konkurrenz, den Plastikgefässeherstellern, legt. Soweit mir bekannt, sind EDCs nur bei Plastikbehältern oder mit Plastik oder Lack ausgekleideten Gefässen (Blech- / Alubüchsen etc.) ein Thema, nicht aber bei reinen Glasflaschen. Da mag Muncke wohl hundertmal recht haben, ihre Position ist in der Konstellation leicht angreifbar. Disclaimer: Ich habe nicht den ganzen Artikel gelesen. Der würde 31$ Kosten. Abriss! Open Access sollte endlich Standard werden! Vielleicht ist die Autorin darin ja irgendwo auf diesen Umstand eingegangen.

Montag, 6. Juli 2009

Haben Nitrosamine etwas mit Alzheimer, Parkinson und Diabetes zu tun?

Die Aerztin Suzanne de la Monte postuliert anhand statistischer Daten einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Nitrat in der Landwirtschaft und Nitrit als Konservierungsmittel (Nitritpökelsalz) für u.a. Fleischprodukte und der wachsenden Zahl von Alzheimer-, Parkinson- und Diabetesfällen:
Led by Suzanne de la Monte, MD, MPH, of Rhode Island Hospital, researchers studied the trends in mortality rates due to diseases that are associated with aging, such as diabetes, Alzheimer's, Parkinson's, diabetes and cerebrovascular disease, as well as HIV. They found strong parallels between age adjusted increases in death rate from Alzheimer's, Parkinson's, and diabetes and the progressive increases in human exposure to nitrates, nitrites and nitrosamines through processed and preserved foods as well as fertilizers. Other diseases including HIV-AIDS, cerebrovascular disease, and leukemia did not exhibit those trends. De la Monte and the authors propose that the increase in exposure plays a critical role in the cause, development and effects of the pandemic of these insulin-resistant diseases.
De la Monte, who is also a professor of pathology and lab medicine at The Warren Alpert Medical School of Brown University, says, "We have become a 'nitrosamine generation.' In essence, we have moved to a diet that is rich in amines and nitrates, which lead to increased nitrosamine production. We receive increased exposure through the abundant use of nitrate-containing fertilizers for agriculture." She continues, "Not only do we consume them in processed foods, but they get into our food supply by leeching from the soil and contaminating water supplies used for crop irrigation, food processing and drinking."

Ihr Artikel (das ist der Medientext dazu) erschien in der Zeitschrift Journal of Alzheimer's disease. De la Monte betrachtete die Anzahl Todesfälle einiger Krankheiten, die mit Altern in Verbindung gebracht werden: Alzheimer, Parkinson, Diabetes, Hirnschlag und HIV. Alzheimer, Parkinson und Diabetes zeigten offenbar Aufwärtstrends parallel zum wachsenden Einsatz von Nitrat und Nitrit (was zu mehr Nitrosaminen führt). Die Zahl der Fälle von HIV, Hirnschlag und Leukämie folgen diesen Kurven nicht. Daraus leitet de la Monte ihr Postulat ab.
Zum Thema Krebs und gepökeltes Fleisch hat die Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux ALP eine eindeutige Meinung. Bei dieser Institution heisst es recht entschieden:
Der Verzehr gepökelter Fleischwaren wird oft als gesundheitliches Risiko angesehen, da sie Nitrit enthalten, welches unter bestimmten Voraussetzungen (z.B. im sauren Milieu des Magens) mit Aminosäuren zu Krebs erregenden N-Nitrosaminen reagieren kann. Es gibt jedoch keine epidemiologischen Beweise, dass Nitrat und Nitrit die Karzinogenese im Menschen fördern.
Vielleicht hat De la Monte mit dem Hinweis auf die Korrelation zwischen Nitrat/Nitrit Einsatz und Alzheimer, Parkinson und Diabetes einen Zusammenhang entdeckt, an den bisher noch gar niemand dachte. Aber wie immer gilt natürlich auch hierzulande: Korrelation hesst nicht zwingend Kausalität.

UPDATE / ADDENDUM: Das US National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS) investiert gut 21 Millionen $ in die Suche nach Umweltfaktoren, die bei Parkinson eine Rolle spielen.

Freitag, 3. Juli 2009

Antrag auf Einsicht in die Schweizer Bewilligungsunterlagen für Roundup

Grad vorhin folgendes Mail abgeschickt:
Sehr geehrter Herr Felix [Olivier Félix ist Leiter der entsprechenden Abteilung]
Hiermit bitte ich Sie um Einsicht in
1. alle Unterlagen, die die Grundlage bildeten für die Zulassung des Produktes mit der Handelsbezeichnung „Roundup“, eidg. Zulassungsnummer W-2604
2. den Bewilligungsentscheid der Zulassungsbehörde bezüglich des obengenannten Produktes.
Ich berufe mich dabei auf das „Bundesgesetz über das Öffentlichkeitsprinzip der Verwaltung“, Artikel 6. Gemäss Absatz 2 des Artikels 6 bitte ich Sie, mir davon eine Kopie zu schicken an:
[Büroadresse]
Alternativ können Sie mir die Dokumente in elektronischer Form schicken an meine private E-Mailadresse: xxxxxxx

Ich habe Kenntnis davon genommen, dass der Zugang zu amtlichen Dokumenten grundsätzlich kostenpflichtig ist. Bitte senden Sie eine allfällige Rechnung an die oben erwähnte Adresse. Sollten die Kosten voraussichtlich über CHF 100.- betragen, bitte ich Sie darum, mich darüber zu informieren, und mir eine Bedenkfrist einzuräumen.
Innert 20 Tagen sollte das Gesuch behandelt sein. Mal schauen... Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte hat übrigens freundlicherweise ein Merkblatt für solche Anfragen und ein FAQ dazu publiziert.

Geht mir grad durch den Kopf: Wird eigentlich in der Ausbildung des journalistischen Nachwuchses darauf hingewiesen, dass es dieses Oeffentlichkeitsprinzip gibt und wie es für journalistische Zwecke einzusetzen ist? Hallo MAZ? Traurigerweise kommt eine Auswertung der bisherigen Wirkung des BGoE zum Schluss:
Da das Gesetz von den Bürgerinnen und Bürgern wenig genutzt wird, bleibt es im Endeffekt schwierig, eine Aussage darüber zu machen, ob das Gesetz seinen eigentlichen Zweck erfüllt: den Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu den Dokumenten der Verwaltung zu verschaffen.
Das muss ja nicht so bleiben!

Donnerstag, 2. Juli 2009

Wann muss die Roundup-Bewilligung in der Schweiz überprüft werden?

In der Verordnung über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln steht:
Art. 21
Überprüfung
1 Die Zulassungsstelle kann eine Bewilligung jederzeit überprüfen.
2 Sie muss eine Überprüfung vornehmen, wenn ihr neue Informationen vorliegen oder wenn es Anzeichen dafür gibt, dass die geltenden Bewilligungsvoraussetzungen nicht mehr erfüllt sind.
Olivier Félix, Chef der Abteilung Produktionsmittel im Bundesamt für Landwirtschaft (BWL), hatte ich heute kurz am Telefon und habe ihm von den Papers von Séralini erzählt, die er noch nicht kannte (hat Monsanto die Informationspflicht verletzt?). Daraufhin habe ich Felix ein Mail geschickt mit den Links zu den beiden Publikationen. Gilt dies nun schon als "neue Informationen", die der Bewilligungsstelle vorliegen, wonach sie eine Überprüfung des Roundup-Dossiers vornehmen "muss"? Wohl nicht unmittelbar. Aber ein erster kleiner Schritt in die Richtung ist es vielleicht. Der Inhalt des Monsanto-Dossiers ist, laut Felix, nicht-öffentlich. Nur der abschliessende Befund der Bewilligungsstelle. Die Grundlagen für den Bewilligungsentscheid, also die Unterlagen, die z.B. Monsanto einreichen musste dafür, die bleiben unter Verschluss. Wie war das mit dem Oeffentlichkeitsprinzip? Demgemäss gilt:
Jede Person hat das Recht, amtliche Dokumente einzusehen und von den Behörden Auskünfte über den Inhalt amtlicher Dokumente zu erhalten.
Und als amtliches Dokument gilt:
jede Information, die:
a. auf einem beliebigen Informationsträger aufgezeichnet ist;
b. sich im Besitz einer Behörde befindet, von der sie stammt oder der sie mitgeteilt worden ist; und
c. die Erfüllung einer öffentlichen Aufgabe betrifft.
Die Entscheidgrundlage für die Bewilligung eines Pflanzenschutzmittels liesse sich verstehen als ein amtliches Dokument, das "die Erfüllung einer öffentlichen Aufgabe" betrifft. Insofern müsste es eigentlich möglich sein, die Monsanto-Unterlagen einzusehen. Oder?

Gilles-Eric Séralini: Herbizide à la Roundup sind krebserregend, erbgutverändernd, fortpflanzungsgefährdend und endokrine Disruptoren

Gestern Mittwoch, wie angekündigt, Gilles-Eric Seralini am Telefon befragt zu seinem Paper darüber, was Glyphosat Formulierungen wie Roundup mit menschlichen Zellen anrichten (Audio folgt in den nächsten Tagen). Der Corporate Blog von Monsanto verweist auf ein offizielles Firmenstatement dazu und fährt schwerstes Geschütz auf dagegen:
In my mind, Seralini’s data are worthless and irrelevant for safety assessment at best. At best, the data are misleading to those who have not sorted through the politics and emotion to get to the science, or do not have the scientific background to do so.
Einen kritischen Blick auf den Agrogiganten Monsanto wirft der Dokumentarfilm "The world according to Monsanto". Bin gespannt, ob und wie sich das neue "Zentrum für angewandte Humantoxikologie" zu dem Paper äussern wird. Habe dort per E-Mail um eine Stellungnahme gebeten, denn immerhin sind glyphosatbasierte Herbizide auch hierzulande weit verbreitet.
Der Agromulti muss seine PR-Leute (u.a. die Social Media Spezialistin?) schon bald wieder auf die Piste schicken, denn Seralini legte vor wenigen Tagen nach in "Toxicology"mit einem Artikel über den störenden Einfluss schon nur kleinster Mengen (0,5 ppm) glyphosatbasierter Herbizide auf die Wirkungsmechanismen von Hormonen (Communiqué von criigen dazu). Das macht diese Produkte in seinen Augen zu Kandidaten für den Status als endokrine Disruptoren:
Glyphosate-based herbicides provoke DNA damages, endocrine disruption in vitro, and CMR effects in vivo.
Im Interview fordert Séralini Monsanto zu vollster Transparenz und Ehrlichkeit auf, sonst könnte es den Firmenverantwortlichen eines Tages gehen wie Maddoff: 150 Jahre Gefängnis für den angerichteten Schaden.
Mehr demnächst.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Couchepin offen für neue Mitglieder im Leitungsgremium des Humantox Zentrums

Maya Graf hat bei Bundesrat Couchepin nachgefragt in Sachen Unabhängigkeit des "Zentrums für angewandte Humantoxikologie". Anfang Juni hat er mündlich Stellung genommen und sich offen gezeigt für das Anliegen, dass weitere VertreterInnen der Zivilgesellschaft im Leitungsgremium Einsitz nehmen sollten. Na, wer sagt's denn!

Samstag, 20. Juni 2009

Panikattacken und Angstzustände - weit verbreitet oder massiv überschätzt?

Am vergangenen Freitag berichtete Stefan Stöcklin in der baz von diesem Science Artikel über einen neuen Wirkungsmechanismus für Psychopharmaka, dessen Co-Autoren u.a. von Novartis und Roche kommen.

Panikattacken und Angstzustände seien "verbreitete Störungen" schreibt er darin gleich zu Beginn. Dazu angeregt hat ihn wahrscheinlich der erste Satz des Papers in Science:
Anxiety disorders are highly prevalent disabling disorders
Die Fussnote dazu referiert auf einen Artikel von anno 2005 über die Prävalenz verschiedener psychischer Krankheiten gemäss Umfrage in den USA. Tabelle 2 in jener Publikation ist zu entnehmen, dass "any anxiety disorder" in der US-Bevölkerung gemäss dieser halbwegs repräsentativen Umfrag eine von gut vier Personen irgendwann Mal in ihrem Leben durchmacht. Das klingt nach viel. JedeR vierte AmerikanerIn hat demgemäss irgendwann im Leben (aktuelle Lebenserwartung: über 82) während einer kurzen oder längeren Phase, ein Mal oder mehrere Male etwas aus diesem Katalog: Panic disorder, Agoraphobia without panic, Specific phobia, Social phobia, Generalized anxiety disorder, Posttraumatic stress disorder, Obsessive-compulsive disorder, Separation anxiety disorder.
Der World Mental Health Survey, WMHS, vergleicht die Situation in mehreren Ländern. Diese Präsentation des WMHS (weitere Infos hier) stellt auf Seite 23 die 12-Monats-Prävalenz von Angststörungen in 17 Ländern nebeneinander. Daraus ist abzulesen: Jede 5. Person in den USA erlitt in den vergangenen 12 Monaten eine Angststörung (19%). Das ist der höchste Wert im internationalen Vergleich. In Israel, wo ich als einfacher Laie tendenziell deutlich mehr Fälle als in den USA vermuten würde aufgrund der dortigen Lebensumstände, erlitt nur jede 33. Person eine Angststörung (3%). In den USA sind also Angststörungen sechs Mal häufiger als in Israel. Deutschland liegt mit 8% im Mittelfeld. Die Schweiz ist im WMHS nicht erfasst.
Breiter gefasst sind die Zahlen auf Seite 22 derselben Präsentation. Dort werden die aufsummierten 12-Monats-Prävalenzen von allen psychischen Kankheiten gemäss internationalen Definitionen (WMH-CIDI / DSM-IV) verglichen. Die USA führen mit 27% (= 27% der AmerikanerInnen erlitten in den vergangenen 12 Monaten eine psychische Krankheit gemäss WMH-CIDI oder DSM-IV). Deutschland: 11%, Israel 10%, Nigeria 7% (tiefster Wert). Das heisst: In den USA sind psychische Krankheiten vier Mal häufiger als in Nigeria. Und immer noch knapp drei Mal häufiger als in Israel. Deutliche regionale Unterschiede scheinen vorhanden zu sein.
Die Situation hierzulande beschreiben Dokumente des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums. Dem fact sheet zur stationären Psychiatrie 2000 - 2006 ist zu entnehmen, dass in diesem Zeitraum recht konstant 50'000 PatientInnen jährlich stationär psychiatrisch behandelt wurden. Der Bericht Gesundheit in der Schweiz 2008 (2,6 MB, 374 Seiten) schreibt auf Seite 213 unter "Jahrespravalenz psychischer Erkrankungen"
Jedes Jahr erkranken etwa 25 bis 30 % der Bevölkerung erstmals oder wiederholt an einer psychischen Störung.

Damit wären wir im Bereich der Amerikaner, die's gemäss WMHS auf 27% bringen. Und um einen Faktor 2,5 höher als Deutschland. Auf Seite 214 steht in "Gesundheit Schweiz":
Dieselbe Grössenordnung psychischer Erkrankungshäufigkeit wurde auch für die Schweiz gefunden, beispielsweise in der so genannten «Zürich-Studie», die vor rund 30 Jahren gestartet wurde, auch leichtere Störungen erfasste und eine Lebenszeitprävalenz von 48 % ergab. Dies bedeutet, dass nahezu alle Menschen tief greifendes psychisches Leiden an sich selbst oder in ihrer nächsten Umgebung schon erfahren haben.

Die Datenlage für diese Aussage ist allerdings eher unklar, um nicht zu sagen sehr dünn und fragwürdig. Teilweise berufen sich die Autoren dieses Kapitels von "Gesundheit in der Schweiz 2008" auf den obsan-Bericht "Bestandesaufnahme und Daten zur psychiatrischen Epidemiologie". Dort steht auf Seite 27 und folgende:
Die mit Abstand wichtigsten Studien in der Schweiz sind die sogenannte Zürich-Studie von Jules Angst und die 1988-91 in Basel durchgeführte Studie von Hans-Rudolf Wacker.
Ueber Wackers Arbeit erfahren wir auf Seite 28 unter anderem:
Die Basler Studie wurde 1988-91 durchgeführt (Wacker, 1995). Die Stichprobe bildeten 470 Einwohner von Basel-Stadt, 261 Frauen und 209 Männer.
Zur Zürich Studie steht in "Bestandesaufnahme und Daten zur psychiatrischen Epidemiologie"
Das Sample der Zürich-Studie (Binder et al., 1982; Angst et al., 1984) geht einerseits aus einer Befragung anlässlich der militärischen Eintrittsmusterung der im Kanton Zürich wohnhaften Männer des Jahrgangs 1959 hervor sowie aus zusätzlich erhobenen Samples (im Kanton Zürich wohnhafte Schweizer Frauen des Jahrgangs 1958).

Die Teilnehmenden wurden 1978 einer Screening-Befragung unterzogen, in welcher u.a. die Symptom Check List SCL-90-R nach Derogatis (1977) zum Einsatz kam. Das Panel wurde anschliessend aufgrund einer stratifizierten Stichprobe gebildet, wobei als Schichtungskriterien das Geschlecht und die SCL-Werte verwendet wurden. Dabei waren die Befragten nach dem Screening in sogenannte High- und Low-Scorer unterteilt worden in Abhängigkeit davon, ob sie SCL-Scores über dem 85% Perzentil aufwiesen oder nicht. Die Panelstichprobe umfasste schliesslich etwa zwei Drittel High-Scorer und einen Drittel Low-Scorer. Die Low-Scorer sind gegenüber der Ausgangspopulation etwa um den Faktor 11 untergewichtet. Als Motiv für die gewählte Stichprobenschichtung ist natürlich die erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von psychischen und somatischen Symptomen und Störungen im Segment der High-Scorer zu
nennen.

Von den 591 TeilnehmerInnen der ersten umfassenden Befragung 1979 sind über die Befragungen 1981, 1986, 1988, 1993 und 1999 hinweg jeweils durchschnittlich 10 % der Befragten als Drop-Outs ausgeschieden. An der letzten Befragung 1999 beteiligten sich etwas mehr als 60% des Ausgangssamples. 47% der Befragten haben an allen sechs Befragungen teilgenommen.

Macht also 591 * 0,47 = 277 Personen, die die "Zürich Studie" über den gesamten Zeitraum erfasst. Etwas mehr über die Zürich Studie steht hier:
Angst Jules; Gamma Alex; Neuenschwander Martin; Ajdacic-Gross Vladeta; Eich Dominique; Rössler Wulf; Merikangas Kathleen R
Prevalence of mental disorders in the Zurich Cohort Study: a twenty year prospective study.
Epidemiologia e psichiatria sociale 2005;14(2):68-76.
BACKGROUND: In order to minimise retrospective recall in developing estimates of the prevalence of mental disorders in the general population, we conducted a prospective study of a cohort of youth from Zurich, Switzerland.
METHOD: A 20 year prospective study of a community-based cohort aged 19-20 from Zurich Switzerland. The sample was enriched by subjects scoring high on the Symptom Checklist 90 R (Derogatis, 1977). A semi-structured diagnostic interview was administered by clinically experienced psychologists and psychiatrists. The six interviews from 1979 to 1999 assessed diagnoses and sub-threshold manifestations of major diagnostic categories (with the exception of schizophrenia) for the past twelve months, depending on the current DSM versions (DSM-III, DSM-III R, DSM-IV). Additional information on symptoms and treatment were collected for the years between the interviews. The reported prevalence rates are weighted for stratified sampling and cumulate the one-year rates of the six interviews.
RESULTS: The cumulative weighted prevalence rates for any psychiatric disorder were 48.6% excluding, and 57.7% including tobacco dependence. In addition 29.2% and 21.8%, respectively manifested sub-diagnostic syndromes. Overall there were no significant gender differences. The corresponding treatment prevalence rates were 22.4% and 31.1%, respectively for the diagnostic subjects and 6.9% and 6.1%, respectively for the sub-diagnostic groups. The total treatment prevalence rate was 37.2% of the population (males 30.0%, females 44.1%).
CONCLUSIONS: Our findings reveal that psychiatric disorders are quite common in the general population. When the spectra of mental disorders are considered, nearly three quarters of the general population will have manifested at least one of the mental disorders across their lifetime.

Und ganz am Schluss, nach den dramatischen "Conclusions" (Raucher inbegriffen, erwischt es dreiviertel aller SchweizerInnen mindestens ein Mal im Leben mit einer "mental disorder") lesen wir dort:
LIMITATIONS: The data are based on a relatively small sample; a single age cohort, and the study was conducted in Zurich, Switzerland. These study features may diminish the generalisability of the findings.

Die Referenzstudie, auf die sich unter anderem "Gesundheit in der Schweiz" beruft mit der Aussage, für die Schweiz als ganzes gelte eine Lebenszeitprävalenz von 48 % für psychische Störungen, umfasst also gerade mal 277 Männer des Jahrgangs 1958 und Frauen des Jahrgangs 1959 über gut 20 Jahre ('79 bis '99) und sagt von sich selber, ihre Anlage (nur eine Alterskohorte, nur Personen aus Zürich) reduziere die Verallgemeinerbarkeit ihrer Erkenntnisse. Und trotzdem ist sie die offenbar wichtigste Quelle für die genau genommen nicht haltbare Aussage in "Gesundheit in der Schweiz" auf S. 214, "dass nahezu alle Menschen tief greifendes psychisches Leiden an sich selbst oder in ihrer nächsten Umgebung schon erfahren haben". Diese Extrapolation von 277 50jährigen Zürcherinnen und 51jährigen Zürchern auf die ganze Schweiz scheint mir doch recht fragwürdig. Die 470 Baslerinnen und Basler, die Wacker befragt hat, machen die Sache nicht schlüssiger.
Die wissenschaftlich nur schwach untermauerte Aussage erscheint an vielen Orten, wenn's um die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen geht. Z.B. im BAG Bericht über die Europäische Ministerielle WHO-Konferenz zur Psychischen Gesundheit von 2005. Dort steht:
Nationale und internationale Studien zeigen, dass fast jede zweite Person im Verlauf ihres Lebens einmal – kürzer oder länger – an einer psychischen Krankheit leidet.

Sie taucht auf in "Psychische Gesundheit in der Schweiz" von 2007 unter "Fakten" auf Seite 10:
Ungefähr die Hälfte der Schweizer Bevölkerung erkrankt im Laufe des Lebens an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung (Ajdacic & Graf, 2003).

Sie kommt im Kapitel "Massnahmebereiche" in "Gesundheit im Kanton Zürich 2000 - 2006":
Jede zweite Person ist im Laufe ihres Lebens von psychischen Problemen betroffen, welche nach gegenwärtigen Diagnosekriterien das Ausmass einer psychischen Krankheit erreichen.

Sie ist 2007 auch Waffe im politischen Kampf, wenn NR Gutzwiller vom Bundesrat mehr Einsatz für die psychische Gsundheit der Bevölkerung verlangt:
Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben an einem schweren psychischen Leiden zu erkranken, beträgt in der Schweiz nahe zu 50% und jedes Jahr erkranken 70'000 Menschen neu.

Und immer dient der obsan-Bericht "Bestandesaufnahme und Daten zur psychiatrischen Epidemiologie" als Referenz, der sich seinerseits in Sachen Prävalenz auf Angst und Wacker als Hauptzeugen beruft.

Kritik an den Prävalenz-Daten für die USA meldeten vor ein paar Jahren Horwitz und Wakefield an. Sie publizierten einen Artikel mit dem Titel
"the epidemic in mental illness: clinical fact or survey artifact?" Do half of all Americans suffer from mental disorders at some point in their lives? Or do surveys misdiagnose the distress that is a normal part of every life?
und halten darin unmissverständlich fest
Despite their rhetorical value, the high rates are a fiction; the studies establish no such thing. In fact, the extraordinarily high rates of untreated mental disorder reported by community studies are largely a product of survey methodologies that inherently overstate the number of people with a mental disorder. The inflated rates stem from standard questions about symptoms with no context provided that might distinguish the normal distress experienced in life from genuinely pathological conditions that indicate an underlying mental illness. Both get classified as signs of disorders. Moreover, because people experiencing normal reactions to stressful events are less likely than the truly disordered to seek medical attention, such questions are bound to inflate estimates of the rate of untreated disorders.

Was bleibt? Ist es reine Propaganda, zu sagen, Panikattacken und Angstzustände seien "verbreitete Störungen"? Propaganda, weil die Aussage sich auf eine fragwürdige Datenbasis stützt und lediglich psychopathologisierenden Techniken zur Stabilisierung der unsäglichen Verhältnisse in die Hände spielt? Seit die extrovertierte Forderung "macht kaputt, was euch kaputt macht!" (garantiert leicht deutbar als pathologisch!) etwas aus der Mode gekommen ist, abgelöst vom introvertierten Pillenschlucken (was kann man denn sonst tun?), liefern angeblich hohe Prävalenzen Argumente für den Ausbau von psychologischen / psychiatrischen Angeboten (und Forschungstätigkeiten). Wer wollte bedürftigen Individuen da davor sein?
Unlängst berichtete eine Berufskollegin von einem Tischgespräch, an dem die Beteiligten zum Schluss kamen, dass extrem vielen Leuten Burn-Out, Depressionen, Bipolare Störungen, Panikattacken etc. diagnostiziert würden. Meine Gegenfrage war, wieviele an dem Tisch Direktbetroffene waren oder wirklich persönlich und aus erster Hand entsprechende Geschichten kannten. Ich vermutete "urban legends" am Werk: Es kennt jeder jemanden, der jemanden kennt, der schon mal in stationärer psychiatrischer Behandlung war oder kurz davor. Sie meinte, niemand in der Runde sei direkt betroffen, aber alle kennten eine handvoll Betroffene. Ich blieb skeptisch und schlug vor an einem Samstagnachmittag in der Fussgängerzone mitten in der Stadt eine anonyme ad hoc Strassenumfrage durchzuführen. Einzige Auskunft, die's vom Publikum braucht: "Hat Ihnen in Ihrem Leben je eine entsprechend geschulte medizinische oder eine psychologische Fachperson eine psychische Krankheit diagnostiziert oder waren Sie schon mal in einer psychischen Verfassung, von der Sie glauben, sie wäre Ihnen wohl als psychische Krankheit diagnostiziert worden?" (Zugegeben, das ist nicht ganz identisch mit Prävalenz!) Meine Vermutung, wir kämen nicht über 3%, worst case 5%. Hätten die offiziellen Dokumente mit ihrer dünnen Datenbasis recht, müsste jede zweite Person mit "Ja!" antworten.