Montag, 18. Mai 2009

Oesterreichs CERN-Austritt findet doch nicht statt

Der österreichische Bundeskanzler Faymann (SPOe) hat heute seinen Wissenschaftsminister Hahn (OeVP) zurückgepfiffen. Hahn hatte am 7. Mai bekannt gegeben, er wolle den Jahresbeitrag für's CERN anderweitig investieren und darum aus dem entsprechenden Staatsvertrag per Ende 2010 austreten. Faymann fand nun, er könne sich einen Austritt seines Landes aus dem CERN nicht vorstellen. Punktum. Und damit war die Uebung auch schon beendet. Das CERN wird's freuen. Den Widerstand aus der wissenschaftlichen Community ebenfalls. Mein Auskunftgeber Peter Kowalski, leitender Beamter im Wiener Wissenschaftsministerium, der vor 10 Tagen noch energisch die Position seines Ministers zu vertreten hatte, denkt sich wohl seinen Teil über die Chefs. Vielleicht ist er solche Pirouetten auch gewohnt. Sind halt Politiker...

Paul Parin ist gestorben

Wie Radio DRS aus dem Umfeld des Ethnopsychoanalytikers vernommen hat, ist Paul Parin im Alter von 92 Jahren gestorben. Aus dem traurigen aktuellen Anlass wiederholt die Sendung Reflexe heute um 11 Uhr und 22 Uhr die Ausgabe, die zu seinem 90sten Geburtstag über den Sender ging. Der Medientext dazu:
Immer hat er die Psychoanalyse als eine gesellschafts- und kulturkritisch fundierte Wissenschaft verstanden. Auch als Schriftsteller hat er sich einen Namen gemacht. Nicht selten wird er als begnadeter Geschichtenerzähler gewürdigt. Sein Schriftstellerkollege Urs Widmer und sein Psychoanalytikerkollege Olaf Knellessen zeigen, womit das zu tun hat. Natürlich hören wir auch Paul Parin, denn wer wusste besser als er selbst, warum das Geschichten erzählen so wichtig ist. Redaktion: Angelika Schett

Sonntag, 17. Mai 2009

Aktion Gr.E.L.L.: "Gratiszeitung? Einfach LiegenLassen!"

1. Gerade eben noch machte tamedia 105 Millionen Gewinn und schüttete 42,4 Millionen an die Aktionäre aus als Dividende.
2. Der Konzern geht auf Einkaufstour in der Westschweiz für 226 Millionen (Schawi applaudiert).
Und jetzt stellte die Firma 69 Kolleginnen und Kollegen von Bund und Tagi auf die Strasse.

Da scheint die Frage legitim: Wie die Solidarität mit den Betroffenen ausdrücken? Wie das Duo CEO Kall / VR-Präsi Supino wissen lassen, dass man sein Vorgehen nicht goutiert? Die Coninxens enteignen und den Betrieb den dort Arbeitenden zur Selbstverwaltung übergeben? Wäre natürlich eine Variante, allerdings wohl eher erst langfristig.
Mein interimistischer Vorschlag: Ein Aufmerksamkeitsstreik! Denn Aufmerksamkeit ist die Währung, in der wir für die Gratisblätter zahlen. Und unsere Aufmerksamkeit ist es, die Kall und Supino den Werbern gegen gutes Geld weiterverkaufen. Also strafen wir sie, resp. ihr Gratisprodukt mit Nichtbeachtung. Einfach an den Verteilboxen vorbeigehen! Ohne nach dem Zeugs zu greifen. Wir verpassen nichts. Radio ist übrigens sowieso schneller und aktueller... Nutzen wir die gewonnene Zeit im öV sinnvoller! Deswegen verliert auf den Redaktionen niemand gleich den Job! Denn es schmerzt die Chefetage eigentlich viel mehr, wenn die Migros Aufträge in Millionenhöhe storniert. Aber die Entlassenen würden sehen, dass wir draussen Anteil nehmen. Also: Gratiszeitung? Einfach LiegenLassen!

Magazin-Chef Finn Canonica befragt Tagi-Chef Res Strehle

Finn Canonica, aktueller Chef des Magazins des Tagesanzeigers, befragte am 20. September 2008 seinen ehemaligen Vorgesetzten, Res Strehle, seit 2007 Chefredaktor des Tagesanzeigers, der vergangene Woche jede vierte ihm unterstellte, journalistisch tätige Person - über 50 Leute - auf die Strasse stellte. Canonica stellte ein paar naheliegende Fragen zur Zukunft der abonnierten Tageszeitung. Strehle zum Verhältnis von Gratiszeitung 20minuten zu Tagesanzeiger:
Wenn wir schon kannibalisiert werden, dann kannibalisieren wir uns lieber selber.
Oder, zum Konzept der Tageszeitung im online-Zeitalter:
Wir müssen Newsplus machen. Das heisst Zusatzrecherche, Analyse, Service, zu sagen, was etwas bedeutet, und Unterhaltung. Das sind unsere Wertschöpfungsdimensionen. (...) Man kann's sogar messen: Wieviel Wertschöpfung hab ich auf einer Seite abonnierte Tageszeitung im Vergleich zum Gratisangebot. Wenn ich da wenig habe bis nichts, dann haben wir keine Chance. Wenn ich aber viel Wertschöpfung habe, dann können wir auch sogar noch ein bisschen teurer sein. (...) Wir müssen mehr Volkshochschule sein. (...) Sex and Crime, das ist nicht unser Differenzierungsmerkmal. (...) Das ist vielleicht das oberste Gebot: Dass sich die leute nicht langweilen, wenn sie eine Tageszeitung in die Hand nehmen. (...) Faktisch zahlt der Abonnent ja heute Papierkosten, den Druck und den Vertrieb. Wenn das nicht mehr nötig ist [weil die Zeitung in irgend einer Form (iPhone, kindle oder was immer) ins Netz abgewandert ist], dann - von mir aus - muss er gar nichts mehr bezahlen. (...) Ich hab selten eine Branche [wie die Medienbranche] gesehen, wo tatsächlich die Hysterie ein wichtiges Moment ist, ein Kennzeichen fast für die Branche. Hat vielleicht damit zu tun, dass wir viele kreative Köpfe in der Branche haben. Die sind sehr emotional. Wir wollen diese Leute auch. Die schreiben dann auch packend. (...) Das überregionale Angebot muss von verschiedenen Tageszeitungen gemeinsam gemacht werden, das regionale alleine. Das Newsnetz-Modell, das wir jetzt online praktizieren, wird früher oder später auch im Printbereich zum Tragen kommen. (...) Die Tageszeitung der Zukunft wird ein bisschen dünner werden. Wir können nicht beides haben: massiv höhere Wertschöpfung pro Seite machen mit einem leicht kleineren Redaktionsstab ["leicht kleiner", wenn Du 25% der Leute rausschmeisst?] und dann noch dicker werden. Das find ich aber auch kein Problem, denn die Leute [das Publikum] sind eher überfordert, wenn man ihnen ein Riesenbuch jeden Tag in die Hand drückt. Und denken "Ach, was ich da alles jeden Tag nicht lese, aber dafür bezahle...!" Ich glaube, diese Ueberforderung werden wir nicht mehr betreiben. (...) Die NZZ und der Tagesanzeiger sind aus meiner Sicht zu dick. (...) Die Tageszeitung wird ein bisschen intelligenter werden. Werden müssen! Das heisst: Mehr Analysen, klügere Analysen! Und sie wird bildstärker werden. Sie wird jene Bilder zeigen, wo die Leute tatsächlich hingucken. Wo sie etwas Neues sehen, irritiert werden, emotional aufgerüttelt werden. (...) Mir ist das ganz recht, dass die Jungen mit den Gratiszeitungen und den Onlineportalen jetzt einsteigen. Irgendwann, dann wenn sie die Ausbildung fertig haben, den Job antreten, eine Familie haben, dann werden sie zur bezahlten Tageszeitung greifen.
Ein schrumpfender Haufen nützlicher Hysteriker wird in Zukunft, umrahmt von irritierenden Bildern, unterhalten mit "ein bisschen" intelligenteren Analysen auf immer weniger Papier, wofür mittels intellektuell anspruchslosen Gratisblättern angefixte Familienmenschen bezahlen. Ist es zulässig zu sagen, dass auch Strehle offensichtlich keinen Plan hat?








Audiofile
Sein nervendes "mhm" in die Antwort des Gegenübers rein, hat Canonica sich inzwischen zum Glück abgewöhnt.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Geologie der Schweiz auf 178 Seiten

14.05.2009
Erster Eindruck nach oberflächlichem Durchblättern des neuen Buches von Helmut Weissert und Iwan Stössel (Merci! an den Verlag für das Rezensionsexemplar): Viele anschauliche Karten, Profile und Fotos. Zielpublikum eher naturwissenschaftlich Vorgebildete. Erdwissenschaftliche Fachbegriffe werden sehr selbstverständlich verwendet. Wen das nicht abschreckt, erfährt in kaum zu unterbietender Kürze die zentralen Fakten zur geologischen Entwicklung des Gebietes, das heute weitherum bekannt ist als "Schweiz". Zusammen mit dem auf dem Buchrücken verdankenswerterweise erwähnten E-Learning Angebot "Learning EArth's Dynamics" ergibt sich eine rund Sache für im weitesten Sinne erdwissenschaftlich interessierte ZeitgenossInnen.

bisher älteste plastische menschliche Figur der Welt

älteste Statuette der WeltDer Archäologe Nicholas Conrad von der Universität Tübingen und sein Team haben auf der Schwäbischen Alb letzten September eine 35‘000 Jahre alte Frauenfigur gefunden, ein aus Mammutzahn geschnitzter Torso, knapp handteller-gross. Das Forschungsteam berichtet heute in der Zeitschrift Nature über seinen Fund, der in der Fachwelt als Sensation gilt. Sandra Pichler ist Anthropologin an der Universität Basel und Fachfrau für prähistorische Frauendarstellungen. Sie erklärt mir in 7 Minuten die Bedeutung des Fundes für die Fachwelt, die Sache mit dem Fruchtbarkeits- und Schönheitsideal, ob unsere Vorfahren am Lagerfeuer aus Spass kleine dicke Frauen schnitzten und was es mit der Schwäbischen Alb auf sich hat.








Gekürzt auf 3:40 war das Interview heute in DRS2aktuell zu hören.

Mittwoch, 13. Mai 2009

OLED-Weltmeister aus Dresden

Nun ja, "OLED-Weltmeister" klingt etwas flappsig, aber stimmt insofern, als im Moment niemand schwarz auf weiss in der öffentlich zugänglichen Fachliteratur von noch energieeffizienteren organischen lichtemittierenden Dioden (OLED) berichtet, als sie das Paper von Sebastian Reineke et al. beschreibt, das morgen in Nature erscheint. Er hat mir erzählt, worin ihre Innovation besteht, was sie bedeutet und wir haben darüber phantasiert, was dereinst mit OLEDs als Lichtquellen möglich sein könnte.








Korrekterweise ist anzufügen, dass die OLEDs von Reineke et al. ihre Weltrekord-Effizienz nur kurz durchhalten. Nach ein bis zwei Stunden fällt sie runter um 50%. Insofern ist die Arbeit ein Machbarkeitsbeweis, aber noch kein einfach nachzubauendes Rezept für die Beleuchtungsindustrie.

Widerstand gegen Oesterreichs CERN-Austritt

Vor kurzem hat Oesterreichs Wissenschaftsminister beschlossen, sein Land wolle die 23 Millionen Franken Jahresbeitrag ans CERN lieber anderweitig investieren und darum den entsprechenden internationalen Vertrag aufkünden. Gegen diesen auf Ende 2010 terminierten Abschied vom CERN formiert sich bereits massiver Widerstand. Bei Facebook ist die entsprechende Gruppe aktuell schon 1'200 Mitglieder stark. Und wer seine Solidarität mit den Opponenten ausdrücken will, kann sich an der Onlinedemo beteiligen.