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Dienstag, 26. Januar 2010
Bisphenol A BPA im Kassenzettel geht unter die Haut
Bild 1: Quittungen und WC-Papier auf dem Weg zur Analyse im Kantonalen Labor Zürich
In Einkaufsquittungen aus Thermopapier finden sich hohe Konzentrationen der Industrie-Chemikalie Bisphenol A (BPA). Diese wirkt im Tierversuch wie weibliches Geschlechtshormon. Recherchen des Konsumentenmagazins "Espresso" auf DRS1 zeigen, dass nur wenige Sekunden Kontakt mit den Quittungen reichen, um Spuren des Stoffs auf und in die menschliche Haut zu übertragen. Via das Recycling von Thermopapier gelangt die Chemikalie nachweislich in WC-Papier und damit die Umwelt. Die Hersteller von Thermopapieren sagen, BPA sei harmlos. Kritische Forscher und Umweltorganisationen drängen auf ein Verbot.
BPA ist der zentrale Baustein für viele Kunststoffe. Der durchsichtige Hartplastik der meisten Schoppenflaschen ist daraus aufgebaut. Alu-Dosen und Konservenbüchsen sind mit einem Belag auf der Basis von Bisphenol A ausgekleidet. Von diesen Quellen gelangen winzige Spuren schliesslich in unseren Körper. Was das BPA dort auslöst, darüber tobt unter Fachleuten eine heftige Debatte. Die einen sagen, es gebe überhaupt keinen Grund zur Sorge. Die anderen halten BPA für mitschuld an Fortpflanzungsproblemen, Brustkrebs, Diabetes oder Übergewicht. In den USA, in Kanada und Deutschland fordern Wissenschafter und Umweltorganisationen darum ein Verbot des Stoffes. Behörden und Industrie andererseits sagen, die Chemikalie sei harmlos. Die Thermopapierhersteller beziehen sich dabei auf die Tests 402 bis 406 gemäss OECD-Richtlinien, die Aussagen über verschiedene Arten akuter Toxizität machen. Der erbitterte Expertenstreit ist in vollem Gange.
Die Chemikalie steckt aber auch im aktiven Belag von Thermopapier, und zwar in vergleichsweise hohen Konzentrationen. Solches Thermopapier halten KonsumentInnen fast täglich in den Händen: Die meisten Kassabons werden auf Thermopapier gedruckt. KassiererInnen haben dutzend- und hundertfach damit zu tun.
Das Kantonale Labor Zürich (KLZH) hat im Auftrag des Konsumentenmagazins "Espresso" nachgemessen: Zwischen 1 und 1,7 Prozent des Gewichtes der analysierten Quittungen aus Thermopapier ist reines Bisphenol A. Diese Werte waren grundsätzlich zu erwarten, ausgehend von den Zahlen, die die Industrie in einer EU-Risikobeurteilung (Seite 18ff, 3.1.2.5 "Thermal paper recycling") bekanntgegeben hatte:
Bild 2: Der Weg von Bisphenol A
Tests zeigen nun: Wenn man diese Kassenzettel berührt, haften innert weniger Sekunden Spuren von BPA auf der Haut. Nach 5 Sekunden Berührung mit trockener Haut waren 0,5 bis 2 Mikrogramm darauf zu messen. Mit feuchter oder ölig / fettiger / schweissiger Haut stieg die gemessene Menge auf bis zu 20 Mikrogramm. Ob 5 oder 60 Sekunden in den Fingern gehalten, spielte dabei keine grosse Rolle. Die Menge BPA auf der Haut veränderte sich kaum.
Das KLZH untersuchte zudem, wie sich das BPA auf der Haut verhält: Das Labor gab eine bestimmte Menge auf die Finger und stellte fest, dass 90 Minuten später fast nichts mehr davon zu messen wahr. Dies lege die Vermutung nahe, dass das BPA in die Haut eingedrungen sei, denn abdampfen / verdunsten habe es nicht können.
Das KLZH legt allerdings Wert darauf, dass dies "höchstens vorläufige Messungen" seien. Und dass die "dermale Aufnahme von Substanzen" nicht im "Kompetenzbereich des Kantonalen Labors" liege. Versuche anderer Labors vor einigen Jahren haben darauf hingewiesen, dass BPA von tierischer und menschlicher Haut grundsätzlich aufgenommen werden kann. Ein externer Fachmann in Sachen Hautgängikeit medizinischer Wirkstoffe bestätigte gegenüber Radio DRS, dass aus seiner Sicht, das BPA-Molekül - theoretisch - ideale chemisch-physikalische Eigenschaften besitze, um von der Haut aufgenommen zu werden.
Die angefragten Grossverteiler Migros, Coop und Manor wussten bisher nichts von dem BPA im Thermopapier ihrer Quittungen. Sie stellen sich gegenüber "Espresso" auf den Standpunkt, dass es Sache der Behörden sei, zu entscheiden, ob in der Frage Handlungsbedarf bestehe.
Über das Recycling gelangt Thermopapier in den Altpapierkreislauf (siehe Bild 2). Messungen des KLZH haben Bisphenol A unter anderem in Schweizer WC-Papieren nachgewiesen, die zu 100% aus Recycling-Material bestehen: um die 6 mg/kg. Dieser Wert liegt im Bereich dessen, was andere Autoren in ihren Analysen australischer, chinesischer und deutscher Produkte gefunden hatten. Via Recycling-WC-Papier gelangt die Chemikalie über das Abwasser in die Umwelt. Die Wasserforschungsanstalt EAWAG hat u.a. bei der ARA (Abwasserreinigungsanlage) Regensdorf BPA im Abwasser nachgewiesen. Sein Anteil an den gemessenen so genannten "Mikroverunreinigungen" beträgt rund 6%:
Versuche belegen, dass Bisphenol A den Hormonhaushalt empfindlicher Wasserlebewesen stört. Für die EAWAG wär es wünschenswert, dass Toilettenpapier als Quelle für BPA im Abwasser eliminiert würde, sei es durch Stop des Recyclings von Thermopapier oder den Ersatz des BPAs darin. Der WWF Schweiz fordert aufgrund der Recherchen von "Espresso" ein Verbot des Stoffes.
Der schweizerdeutsche Beitrag aus Espresso vom 26.1.2010 über BPA in Thermopapier und was passiert, wenn wir es berühren:
Der schweizerdeutsche Beitrag aus Espresso vom 27.1.2010 über BPA in Toilettenpapier und was passiert, wenn wir es den Ablauf runterspülen:
P.S. Die Idee zu dieser Recherche entstand nach der Lektüre von Janet Raloffs Artikel "concerned about BPA? check your receipts!"
Samstag, 23. Oktober 2010
Die European Thermal Paper Association zu BPA Bisphenol A in Thermopapier
Koehler, einer der wichtigen Thermopapierhersteller in Europa, schreibt auf seiner Website:
Blut (Korrigendum:) Urin auf BPA-Gehalt untersuchte, stellten Joe M. Braun et al. fest, dass Kassiererinnen den höchsten Wert hatten:
Das Statement des "Centre for Xenobiotic Risk Research", auf das sich die ETPA bezieht, unterzeichnet von Prof. M. Arand, Prof. R. Eggen, Prof. S. Krähenbühl, Prof. H. Kupferschmidt, Prof. HP Nägeli, Prof. A. Odermatt, Prof. H. Segner, Dr. N. von Götz und Dr. Timo Buetler, beginnt im ersten Satz mit der Aussage:
Schliesslich schreibt die ETPA weiter:
NACHTRAG: Die ETPA hat auf meine Fragen hier geantwortet.
Direct thermal papers containing Bisphenol A are safe to useUnd verlinkt zum Dokument der Thermopapier-Industrieorganisation ETPA von Oktober 2010, die in Zürich bei der AC Treuhand AG (swissinfo 11.11.09: "Kartellrecht: EU büsst Ciba und AC Treuhand") beheimatet ist. Darin sagt die Thermopapier-Industrieorganisation, ähnlich wie bereits vor 2 Jahren und im Oktober 2009 erneut, die Thermopapiere seien sicher:
The European Thermal Paper Association (ETPA) confirms the safety of direct thermal papers.
Direct thermal papers containing Bisphenol A are safe to useAls Belege für die Sicherheit des BPA-haltigen Thermopapiers nennt die Thermopapier-Industrieorganisation:
The European Thermal Paper Association (ETPA) confirms the safety of direct thermal papers
Bisphenol A is used for a range of applications and ranks as one of the best investigated substances in the world. No studies have ever achieved reproducible results indicating negative impact. The Federal Institute for Risk Assessment (BfR) stated clearly in 2008 that there is no risk to human health through handling products which contain Bisphenol A, and has recently reaffirmed this position.Kommentar: Die ETPA verallgemeinert zu "there is no risk to human health through handling products which contain Bisphenol A", was das BfR spezifisch für die Tierversuchs-Studien von Stump und Ryan sagt: "Aus Sicht des BfR lässt sich aus den beiden neuen Studien kein Verdacht auf ein spezifisches schädigendes Potenzial von Bisphenol A für Verhalten und neurologische Entwicklung ableiten." Zudem: Die beiden Studien machen, anders als die ETPA insinuiert, keine Aussage über das "handling" von "products which contain Bisphenol A", sondern in den Studien wurde den Ratten BPA ins Trinkwasser gegeben. Anfang 2010 erklärte die Medienstelle des BfR auf meine Anfrage:
Das BfR hat sich mit der Bisphenol A Problematik nach Auskunft unseres Experten bisher nur hinsichtlich der oralen Aufnahme über Lebensmittel beschäftigt. Der von mir befragte Kollege sagte daher, dass er nicht beurteilen kann, wie viel von dem auf die Haut übertragenen Bisphenol A in das Blut übergeht und wie hoch die Belastung des Körpers damit ist. Deshalb kann er keine Aussagen aus toxikologischer Sicht machen, weil dazu die Konzentration über einen längeren Zeitraum im Körper abgeschätzt werden müsste, wenn man täglich mit Thermopapier umgeht. Wie vermutet wäre diese Risikoabschätzung aber eine Aufgabe des Arbeitsschutzes. Es liegen im BfR folglich keine Abschätzungen vor, welche Mengen an Bisphenol A in welcher Zeit über die Haut aufgenommen werden könnten und welche Risiken für Menschen daraus erwachsen, die täglich mit derartigen Papieren umgehen.Und "No studies have ever achieved reproducible results indicating negative impact." ist schlicht falsch. Die ETPA schreibt weiter:
The European Food and Safety Association (EFSA), after intensive study of the scientific evidence, has also reached the same conclusion, which is reflected in the high and thus non-critical threshold value (TDI) that EFSA established for Bisphenol A already in 2006. This position was reaffirmed by EFSA on 30.09.2010 after a new round of intensive research.Kommentar: Bemerkenswert ist an dem EFSA-Bericht immerhin, dass darin EFSA-Panelmitglied Catherine Leclerq vom "Istituto Nazionale Ricerca Alimenti e Nutrizione" eine abweichende Minderheitsmeinung vertritt. Sie sieht in neuen Studien Grund genug, den aktuellen Grenzwert zu einem "temporären" zu erklären. Die ETPA weiter:
The British Environmental Agency states in the Risk Assessment it issued in February 2010 that there is no risk to human health through handling direct thermal papers which contain Bisphenol A. The report also confirms that there is no risk to the environment, e.g. through the recycling of direct thermal papers.Kommentar: Anders als die ETPA schreibt, stammt der Inhalt des Reports aus dem Jahr 2008. Im Februar 2010 wurden lediglich seine beiden Teile von 2008 in einem Dokument veröffentlicht. Neue Daten sind seit 2008 keine eingeflossen. Das steht bereits auf dem Deckblatt:
Complete risk assessment in one document (February 2010) - The risk assessment report of Bisphenol-A from 2003 has been merged with the addendum from 2008 to have all information available in one document. Within this document you will find first the Addendum from 2008 for both Environment and Human Health and then the complete RAR from 2003. The Addendum includes the summaries of all the endpoints for exposure and hazard from the 2003 RAR to which new relevant information had been added. Based on this the risk characterisation had been revised.Und zudem macht der Report keine direkte, fundierte Aussage über das Risiko aus dem Umgang mit Thermopapier. Es steht auf S. 123 unter 4.1.1.2. Consumer Exposure:
Other uses of bisphenol-A, such as in printing inks and thermal paper, are considered to result in negligible potential for consumer exposure in comparison with the other sources considered and therefore will not be addressed further in this assessment.Das heisst: Weil die Studie a priori davon ausgeht, das Potential für eine Exposition der KonsumentInnen sei vernachlässigbar, geht sie dieser für die ETPA zentralen Frage nicht weiter nach und kann der Organisation darum eigentlich nur sehr bedingt als Kronzeugin dienen. Jüngste Studien (und ganz aktuell auch die INRA Toulouse) zeigen, dass gerade diese a priori Annahme in Frage zu stellen ist. Und in einer Studie mit Schwangeren, die deren
By occupation, cashiers had the highest BPA concentrations (GM: 2.8 μg/g).
Die ETPA weiter:
Migration tests conducted at the University of Zurich indicate that, if at all, only miniscule quantities of Bisphenol A can be absorbed through the skin and thus enter the bloodstream. These quantities are negligible when measured against the threshold value established by EFSA.Kommentar: Anders als die ETPA in ihrem Statement behauptet ("Migration tests conducted at the University of Zurich"), hat das Zentrum für Fremdstoffriskoforschung der Uni Zürich KEINE eigenen "migration tests" durchgeführt (jedenfalls ist dem von der ETPA referenzierten Dokument nichts dergleichen zu entnehmen).
Das Statement des "Centre for Xenobiotic Risk Research", auf das sich die ETPA bezieht, unterzeichnet von Prof. M. Arand, Prof. R. Eggen, Prof. S. Krähenbühl, Prof. H. Kupferschmidt, Prof. HP Nägeli, Prof. A. Odermatt, Prof. H. Segner, Dr. N. von Götz und Dr. Timo Buetler, beginnt im ersten Satz mit der Aussage:
In der Presse wurde vor kurzem darüber berichtet, dass Thermopapier, wie es in Kassabons verwendet wird, bis knapp 2% des Weichmachers Bisphenol A enthalten kann.Auch wenn unter der Aussage die Namen von 9 Fachpersonen stehen: Bisphenol A ist KEIN Weichmacher. Weiter unten zitiert das Statement der Fachleute des "Centre for Xenobiotic Risk Research" eine französische Aufnahmestudie an Schweinehaut als einziges Indiz. Dabei wären in der Fachliteratur durchaus auch Berichte über die Durchlässigkeit von menschlicher Haut für BPA zu finden, die die Fachleute aber offenbar nicht beizogen.
Schliesslich schreibt die ETPA weiter:
The German Minister of the Environment, Dr. Norbert Röttgen, stated in the Westdeutsche Fernsehen TV programme "Markt" on 7.6.2010 that, "Bisphenol A in sales receipts is harmless, as there is no significant absorption through the skin. It has been known for a long time that Bisphenol A is present in direct thermal papers. Bisphenol A has no actute toxicity."Kommentar: Die Meinung des Deutschen Umweltministers in Ehren, aber solange nicht dargelegt ist, worauf er sich bezieht, kann sie nicht zur Beweisführung beigezogen werden. (Addendum: Und eine "acute toxicity" hat der Chemikalie im Zusammenhang mit Thermopapier auch nie jemand unterstellt.)
In view of these scientific facts, ETPA considers the use of Bisphenol A for the production of direct thermal papers to be safe and responsible. Direct thermal papers are safe to use and do not pose a risk to human health or to the environment.Kommentar und Fazit: Die "scientific facts", auf die die ETPA bezüglich Bedenkenlosigkeit von Thermopapier referiert, sind, gelinde gesagt, an einem sehr kleinen Ort.
October 2010
NACHTRAG: Die ETPA hat auf meine Fragen hier geantwortet.
Mittwoch, 3. Februar 2010
Harmlos oder giftig: Der Streit um Bisphenol A BPA
In Einkaufsquittungen aus Thermopapier finden sich relativ hohe Konzentrationen der Chemikalie Bisphenol A (BPA). BPA wirkt im Tierversuch wie weibliches Geschlechtshormon. Nur wenige Sekunden Fingerkontakt mit den Quittungen reichen, um Spuren des Stoffs auf und teilweise in die menschliche Haut zu übertragen. Via das Recycling von Thermopapier gelangt die Chemikalie in WC-Papier und damit in die Umwelt. Die Hersteller von Thermopapieren sagen, BPA sei harmlos. Kritische Forscher und Umweltorganisationen drängen auf ein Verbot. Der Streit darum, ob BPA, ein elementarer Baustein auch vieler Kunststoffe, harmlos oder hochgiftig ist, beschäftigt Expertengremien weltweit. Eine Auslegeordnung. (27 Minuten Audio)
So gesendet heute in Kontext auf DRS2
Uebrigens: Grad gesten hat die Europäische Behörde für Nahrungsmittelsicherheit EFSA angekündigt, dass sie Anfang April ein Expertenmeeting abhält zum Thema BPA. Und auf Mai 2010 kündigt sie gleichzeitig ein neues Statement zu der Frage an.
So gesendet heute in Kontext auf DRS2
Uebrigens: Grad gesten hat die Europäische Behörde für Nahrungsmittelsicherheit EFSA angekündigt, dass sie Anfang April ein Expertenmeeting abhält zum Thema BPA. Und auf Mai 2010 kündigt sie gleichzeitig ein neues Statement zu der Frage an.
Sonntag, 25. Oktober 2009
Altpapierkreislauf in der Schweiz

Weitere Zahlen, gefunden - wie obige Grafik - auf altpapier.ch:

Der WWF hat im April 2009 eine Kampagne für mehr Recyclingpapier im Haushalt gefahren, die nützliche Zahlen brachte:

1/5 des Toilettenpapiers besteht also im Schnitt aus Recycling. Nächste Frage: Pro Kopf Verbrauch?

21 kg pro Kopf pro Jahr = 57g pro Tag. Wieviel davon ist WC-Papier? Für Europa steht im gleichen Papier des WWF (.pdf):

Also rund 60%. 57g * 0,6 = 34g WC-Papier pro Kopf und Tag. Scheint intuitiv eine vernünftige Grössenordnung zu sein. Nächste Frage: Beitrag zu BPA-Fracht im Abwasser?
Berechnungsweise 1: 20% davon ist rein aus recycliertem Material (siehe weiter oben). 34g * 0,2 = 6,85g. Gehring et al. messen in ihren Proben aus Recycling-WC-Papier 45mg/kg DM BPA (also ein Anteil von 45 Millionstel oder 0,000045). 6,85g * 0,000045 = 6850mg * 0,000045 = 0,3 mg BPA / Person pro Tag via Toilettenpapier in die Umwelt entlassen. Aus den Papierfasern werden etwa 30% ausgewaschen. Der Rest landet in irgendwelchen Feststoff-Filtern (Gitter, Sandfilter usw.). Ergo: 0,1 mg BPA/d in den durchschnittlich rund 50L Spülwasser => 0,1mg = 100ug = 100'000ng / 50 = 2000ng/L.
Berechnungsweise 2: Gehring et al. kommen auf einen BPA-Mittelwert von 31 mg/kg (31 Millionstel) für alle Toilettenpapiere. Für die Schweiz hiesse das: 34'000mg * 0,000031 = 1 mg / Person / Tag. Auswaschung = 30% => 0,3mg pro 50 Liter = 300'000ng / 50 = 6'000ng/L.
In der ARA Regensdorf vor der Klärung gemessen (Tab. 14, hier @ issuu): 4'500ng/L.
Kommt das BPA im Input zur Kläranlage vollständig aus dem Toilettenpapier? Für die todo-Liste: Mehrere WC-Papiere ab der Stange auf BPA-Gehalt untersuchen. Einschlägige Spezialpapiere (Tickets, Quittungen usw.) sowieso!
Weiterhin offen: Woher kommt das BPA im Toilettenpapier? Aus recyclierten Spezialpapieren sehr wahrscheinlich. Aber wie ist das festzumachen? Das fiel schon Gehring (Kapitel 5.4) schwer:
In diesen Fällen könnte während der Altpapier- verarbeitung eine Akkumulation von BPA in oder an der Faser stattgefunden haben. Auch ein deutlich höherer BPA-Gehalt im für die Herstellung der untersuchten Toilettenpapierchargen verarbeiteten Altpapier kommt als Grund in Betracht. (...) Wie die Analysen der Altpapierfraktionen zeigen (Kapitel 4.3), ist es im Laufe der Zeit zu einer allgemeinen Verteilung von BPA im Papierkreislauf gekommen. Zellulosen dagegen sind nicht mit BPA belastet (Tabelle 4-7). BPA wird also der Altpapierverarbeitung nicht nur durch Thermopapier, das meist BPA als Komponente der Farbentwicklungsschicht enthält, sondern auch durch das andere Altpapier zugeführt. Aufgrund der Kreislaufführung der Prozeßwässer kommt es vermutlich sowohl im Schlamm als auch im Wasser und in den zuvor nicht oder wenig belasteten Fasern zu einer Aufkonzentrierung von BPA, Untersuchungen darüber liegen nicht vor. Insgesamt lassen die hier untersuchten Proben eine Bilanzierung der BPA-Massenströme im Papierkreislauf und in Schlämmen und Abwasser nicht zu. Zu diesem Zweck müßte eine repräsentative Zahl an Proben aus allen Teilströmen des Papierkreislaufes und aus den Abfall- und Abwasserströmen untersucht werden.
Sonntag, 17. Januar 2010
le matin dimanche: Veränderungen an Hoden und Penis bei Buben nehmen zu
In le Matin Dimanche berichtet Geneviève Comby heute von der wachsenden Zahl von Buben, die mit Hodenhochstand oder einer Verschiebung des Harnröhrenendes (Hypospadie) zur Welt kommen. In den letzten 50 Jahren habe die Häufigkeit um einen Faktor 2 bis 3 zugenommen. Die Forscherin Ariane Giacobino erzählt in dem Zusammenhang, sie habe beobachtet, dass Pestizide, denen eine schwangere Maus ausgesetzt gewesen sei, Effekte gehabt hätten bis in die dritte Generation. Und wie sie's formuliert, klingt es nach epigenetischen Veränderungen, die die Gifte auslösen.
Ariane Giacobino, médecin au Service de génétique des Hôpitaux universitaires de Genève: «La prévalence de ces malformations est deux à trois fois plus élevée qu’il y a cinquante ans. Ces problèmes sont devenus assez courants.» On estime aujourd’hui les cas de cryptorchidie à un sur 200 garçons et ceux d’hypospadias à un sur 500 à 700. (...) L’origine peut être héréditaire, mais certains polluants industriels auxquels nous sommes exposés sont aujourd’hui également pointés du doigt. Et pour cause, ces substances, que l’on qualifie de perturbateurs endocriniens pour leur capacité à altérer notre système hormonal, sont présentes partout: des fruits et légumes (pesticides) aux emballages plastiques courants (bisphénol, phtalates). Ils peuvent avoir un impact physiologique sur ceux qui y sont exposés directement, mais également sur leurs futurs enfants, voire leurs petits-enfants! Concrètement, l’exposition d’une femme enceinte peut provoquer une altération du développement urogénital de son enfant à naître, mais l’effet des perturbateurs endocriniens est parfois encore plus sournois. (...) «Il ne s’agit pas d’une mutation génétique, mais d’une modification chimique suffisamment forte pour passer au travers des générations», précise la chercheuse, qui a pratiqué de nombreuses expériences sur des souris: «Avec les rongeurs que j’ai exposés à des pesticides courants, du genre de ceux que l’on peut trouver sur les fruits et légumes des supermarchés, j’ai observé des effets jusqu’à trois générations!»Frau Giacobino, Ihre Stimme muss ich haben in der kommenden Geschichte in Sachen Thermopapier!
Dienstag, 8. Dezember 2009
Studie von 1997: Stoffströme wichtiger endokrin wirksamer Industriechemikalien
In dieser ausführlichen Untersuchung von André Leisewitz und Winfried Schwarz vom Büro "Oekorecherche" war schon was drin zum Thema Thermopapier:
Samstag, 31. Oktober 2009
News in progress: Papierhersteller reagieren auf Artikel in ScienceNews
Nach dem Artikel von Janet Raloff, scheinen bei Produzenten und Grossisten die Alarmglocken geschellt zu haben. Ritemade, ein Händler, publiziert Briefe und Dokumente der Thermopapier-Hersteller und der Ritemade-CEO schreibt im Begleitbrief:
A recent article published in an on-line web magazine has generated interest in BPA (Bisphenol-A) as it relates to thermal paper used for POS receipt tape. BPA or a similar agent, BPS is used by all mills to make thermal paper. BPA is an organic compound that has been used commercially for nearly a century. It is an important building block of several important plastics and plastic additives.Hersteller und Branchenverband schreiben z.B. (Hier als backup ein Ersatzlink, falls das Dokument unter seiner ursprünglichen Adresse bei ritemade.com plötzlich nicht mehr erreichbar sein sollte - dito für die "Safety Sheets" der Thermopapiere: Original, backup):
Many years ago someone noticed that there were certain similarities between the chemical structure of BPA and estrogen. Due to this similarity the question was raised as to whether BPA might pose risks similar to estrogen if absorbed through the skin or ingested in some manner. There is no scientific evidence that BPA poses such a risk.
Koehler: All studies have proven that the Koehler paper examined is non-hazardous, non-irritant and non-sensitizing.
European Thermo Paper Association (c/o AC-Fiduciaire SA. Tödistrasse 47, P.O. Box 1507, CH-8027 Zürich): All the scientific results so far - on an international, European as well as national level - nevertheless allow for one final conclusion only: BPA has to be classified as harmless with respect to human health as well as the environment.Eine klare Aussage. Soviel steht fest...
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