Dienstag, 28. Dezember 2010

Sonntag, 26. Dezember 2010

An langen Winterabenden ...

... ist endlich mal Zeit, um interessante / schöne / inspirierende Videos zu schauen. Hier ein paar Vorschläge:

Dienstag, 9. November 2010

Wie häufig sind Depressionen? Und wem nützt es, wenn die Zahlen steigen?

(Ergänzung am 4.1.2011: Im NZZ Folio 01/11 schreibt Martin Lindner über "Die Epidemie, die keine ist": "Heutzutage kennt jeder jemanden, der depressiv ist, phobisch oder bipolar. Oder er ist es selbst. Doch der Eindruck, dass immer mehr Leute psychisch krank werden, täuscht.")

Es ist Herbst und das Thema Depression hat in den Medien wieder Hochkonjunktur. Diesmal tritt das BAG selber den Depro-Hype los und die SDA ist seine Trompete. Sie schreibt im Original:
Bern · Wegen Depressionen zum Hausarzt - Erste Statistik liegt vor
Immer mehr Menschen suchen wegen Depressionen ärztliche Hilfe. Pro 1000 Hausarztbesuche erfolgen fast 13 wegen der psychischen Krankheit, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mitteilte. Die Zahlen stammen von der ersten Sentinella-Statistik zu Depressionen aus dem Jahr 2008.
Prompt landet das Communiqué, stimmig aufgemacht und reisserisch übertitelt, auf der Frontpage bei den Newsnetz-Sites:

Schon im Lead von SDA - und logischerweise auch Newsnetz - schreit einem der Schwachfug ins Gesicht: Wie in aller Welt, soll aus einer einzigen Statistik eines Jahres ein Trend abzulesen sein? Wie kommt die SDA zur unhaltbaren Aussage, "immer mehr Menschen" suchten wegen Depressionen ärztliche Hilfe auf? Vielleicht kommt ja noch etwas, aber bis jetzt findet sich beim BAG keine Medienmitteilung, die als Grundlage für die SDA-Meldung hätte dienen können (und wo ev. Hintergründe dazu zu finden wären - Meine Güte, jetzt hoff ich schon darauf, dass die zugrundeliegenden Communiqués jene Hintergründe liefern, die ihre journalistische Aufbereitung versaut hat; weit ist's gekommen!).
Die Aussage im Lead der SDA, dies sei die "erste Sentinella-Statistik zu Depressionen" ist zudem kreuzfalsch. Das Publikationenverzeichnis von Sentinella schreibt schwarz auf weiss auf Seite 13: "T. Lehmann, Arbeitsgruppe Sentinella; Depression; Jahresbericht 1988/89".
Leider ist dieser Jahresbericht nicht elektronisch zugänglich. Aus dem Vergleich von dessen Zahlen mit denen von 2008 liesse sich vielleicht ein Trend konstruieren. Auf diese 20 Jahre alten Daten nimmt aber niemand Bezug. Weder das BAG in seinem Wochenbulletin (anders als im Schlussbericht zu Sentinella) noch die SDA etc.
Zwar deutet der letzte Satz der Meldung an, wie der Trend konstruiert wurde:
Das BAG rechnete diese Zahlen mittels Daten des Krankenkassen-Dachverbandes Santésuisse und dem Bundesamt für Statistik hoch.
Aber über die Methoden schweigt sich die Agentur aus. Eher anekdotisch interessant scheint mir, dass die CHF 10'000.- teure wissenschaftliche Auswertung der Sentinella-Zahlen von 2008 gemäss Projektdatenbank eigentlich bereits Ende November 2009 abgeschlossen wurde. April bis Juni 2010 musste offenbar sozialwissenschaftlich für CHF 16'920.- nochmals dran rumgeschraubt werden. Und bis zum jetzt publizierten, ominösen Communiqué in der Angelegenheit mussten weitere 4 Monate ins Land streichen... Und das alles endet schliesslich verkürzt, unvollständig und irreführend im Newsnetz. Schade um die viele Arbeit!
Beim Gerede von wachsenden Zahlen von Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen scheint mir übrigens immer grösste Skepsis angebracht! Schon die Zahlen des Kantons Basel-Stadt und des BAGs unterscheiden sich um einen Faktor 4:
BS: Jeder fünfte Erwachsene leidet mindestens einmal im Leben unter einer Depression.
BAG: Man nimmt an, dass 5-7% der Bevölkerung an Depressionen erkranken.
Das Gesundheitsobservatorium bietet zwar eine lange Publikationenliste dazu. Aber, wer die Datenbasis für diese Aussagen zu rekonstruieren versucht, sieht, dass ein Bericht immer den vorhergehenden zitiert, der einen Dritten zitiert (soweit normales wissenschaftliches Vorgehen...), am Ende aber nicht viel mehr als Grundlage bleibt für z.B. die viel herumgereichte, maximalistische Aussage, dass jede zweite Person in der Schweiz einmal im Leben an einer psychischen Störung erkranke, als zwei relativ dünne Studien: eine aus Basel (Wacker 1995, vergriffen) & die viel zitierte sog. "Zürich"-Studie. Letztere sagt ehrlicherweise allerdings über sich selber:
The data are based on a relatively small sample; a single age cohort, and the study was conducted in Zurich, Switzerland. These study features may diminish the generalisability of the findings.
Depression ist eine zu ernste Sache, um sie der Journaille zu überlassen!

PS: UPDATE Dienstag, 12:30. Inzwischen hat mir das BAG die Quelle für die SDA-Geschichte genannt: Sein wöchentliches Bulletin Nr. 45/10 (, das auch den Link auf den nun endlich publizierten Schlussbericht der Sentinella-Daten in Sachen Depression enthält, welcher der Hintergrund zum Artikel im BAG Bulletin ist und worin auf S. 18 über die Methode, wie die Sentinella-Daten auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet werden, steht:
Eine exakte Beschreibung der Methode dieser Hochrechnung ist bei den Sentinella-Verantwortlichen des BAG erhältlich.
Wie bitte? Warum wird diese, für die Abschätzung der Relevanz und Wissenschaftlichkeit der daraus abgeleiteten Zahlen zentrale Methode nicht direkt im Schlussbericht offengelegt? Warum diese unnötige Hürde? Ob der Bericht dadurch 2 Seiten länger wird oder nicht, kann ja wohl nicht das Problem gewesen sein. Aber dass der Zugang zur Methode, die zu gesundheitspolitisch relevanten Zahlen führt, vernebelt wird, ist ein Problem!). Im BAG-Bulletin auf S. 1075 steht auch gleich wieder im zweiten Satz:
In den vergangenen Jahren hat die Zahl der gestellten Diagnosen in der Schweiz zugenommen.
Ein Beleg für diese folgenreiche Aussage wird nicht referenziert. Die Quelle ist also auch nach der Lektüre des BAG Bulletins unbekannt. Aber mit diesem Satz ist wenigstens erklärbar, wie die SDA zu ihrem ersten - unbelegten! - Satz im Lead kommt:
Immer mehr Menschen suchen wegen Depressionen ärztliche Hilfe.
Die einzige kontinuierliche Quelle, die bisher eventuell solche Aussagen zuliesse, ist der so genannte "Schweizerische Diagnosen Index (SDI)". Das ist allerdings ein Marketinginstrument, vertrieben von der kommerziellen Pharmamarketing-Beratungsbude IMS. IMS macht regelmässig Umfragen unter AerztInnen, was sie warum verschreiben. Auch im psychiatrischen Bereich. Und dort wird er von den Gesundheitsbehörden auch konsultiert und zitiert. Um an diesen Unterdatensatz des SDI ranzukommen, zahlt alleine das Bundesamt für Statistik 10'000.- jährlich seit 2008, steht in der Forschungsdatenbank Aramis. Aber warum steht dort nicht, wer die Daten liefert, sondern wird nur unbestimmt von einem "Auftragnehmer" gesprochen?
Der Auftragnehmer stellt dem Obsan ein spezifiziertes Tabellenset zu Diagnosen, Arzt-Patientenkontakten und Verschreibungen aus der Datenbank SDI zur Verfügung. Es handelt sich dabei um Daten der Berichtsjahre 2000-2010 und des Diagnosenkapitels F gemäss ICD-10 (Psychische Erkrankungen).
Es wäre wohl langsam an der Zeit, dass die Gesundheitsbehörden eine andere Quelle für ihre Behauptung der wachsenden Zahl Depressiver verwenden, als die Angaben des Pharmamarketing! Alles, was es bräuchte, wäre mit Sentinella ebenso kontinuierlich das Thema Depression zu beobachten, wie es für Grippe, Masern, Mumps und Röteln seit über 20 Jahren selbstverständlich ist!

Wäre es nicht rationaler, ein paar Jahre lang diese Zahlen zu sammeln, sie dann auszuwerten, und erst dann zu entscheiden, ob das Land tatsächlich ein "Bündnis gegen Depression" verschrieben bekommt? Statt die PR-Mühlen schon anzuwerfen, bevor wirklich harte Daten auf dem Tisch liegen???

P.P.S. Da schau an! Newsnetz hat die Headline verändert (Stand 14:00)! Jetzt lautet sie:
Romands besonders anfällig auf Depressionen
Das ist zwar ebenso ins Blaue behauptet wie die alte Schlagzeile, wie im etwas ausführlicheren Artikel zum selben Thema, ebenfalls bei Newsnetz, von Iwan Städler, der die SDA-Meldung ausgebaut hat, herauszufinden ist, wo steht:
Während im Erhebungsjahr 2008 in Graubünden und im Tessin auf 1000 Konsultationen 2,5 Depressionsmeldungen kamen, waren es in der Westschweiz fast zehnmal mehr – nämlich 21,1. Damit liegt die Romandie mit Abstand an der Spitze aller Regionen. (...) Heisst dies nun, dass die Westschweizer deutlich unglücklicher sind als die Deutschschweizer? Oder erkennen die dortigen Ärzte einfach schneller eine Depression? Beides sei möglich, sagt Regula Ricka vom BAG.
aber was ficht einen rechten Titeldichter die sachliche Korrektheit an?

Sonntag, 7. November 2010

European Thermal Paper Association beantwortet Nachfragen

Die ETPA beantwortete vergangene Woche meine Nachfragen mit diesem Schreiben:
Sehr geehrter Herr Tschudin,

zunächst einmal möchten wir feststellen, dass wir weder Hersteller von Bisphenol A sind, noch haben wir für diesen Stoff eigene Untersuchungen durchführen lassen. Wir müssen uns als Nutzer der Chemikalie auf wissenschaftliche Testergebnisse verlassen, die von den unterschiedlichsten Institutionen veranlasst bzw. durchführt wurden. So erklärt es sich, dass wir die der für uns zuständigen Gesundheitsbehörde BfR (Bundesministerium für Risikobewertung) bzw. der europäischen Behörde EFSA gegebenen Erklärungen über den Stoff Bisphenol A selbstverständlich nutzen, um die Sicherheit eines Bisphenol A enthaltenden Thermopapiers zu demonstrieren.

Hinsichtlich des Datums „Complete Risk Assessment in our Document (Feb 2010)“ haben Sie Recht, wenn Sie anmerken, dass die maßgeblichen Untersuchungen in 2003 bzw. 2008 durchgeführt wurden. Das Dokument wurde aber erst im Februar 2010 in dieser Form veröffentlicht. Wir haben uns jetzt auf das Erscheinungsdatum bezogen. Wir denken, dass dies in der Sache nun wirklich keinen Unterschied macht.

Zum Hintergrund der Bewertung im European Risk Assessment wissen wir, dass seinerzeit schon Migrationsuntersuchungen durchgeführt wurden, die vernachlässigbare Mengen im Übergang von Bisphenol A aus Thermopapieren festgestellt haben. Demzufolge kam seinerzeit schon die britische Umweltbehörde zu dem Schluß, dass hier keinerlei Gefahr im Verzug ist.

Unser Bezug auf die „Universität Zürich“ mag möglicherweise etwas irreführend sein, weil wir davon ausgegangen sind, dass die Uni selbst die Untersuchungen durchgeführt hat. Es handelt sich aber offenbar um den Kommentar zu Untersuchungen der Universität Lyon (“Cutaneous Penetration of Bisphenol A in Pig Skin“ Kaddar et al.). Auch dieser vielleicht nicht hundertprozentige Bezug zu der eigentlichen Quelle ändert den Sachverhalt nicht. Bitte bedenken Sie, dass unser Statement für einen Leserkreis verfasst ist, der nicht unbedingt über die hier notwendige Fachkenntnis verfügt, eine wissenschaftliche Abhandlung zu lesen und zu verstehen. Wir denken, dass es legitim ist, sich hier dem leichter verständlichen Kommentar von Wissenschaftlern – in dem Fall der Universität Zürich – zu bedienen.

Hinsichtlich des Kommentars des Umweltministers Norbert Röttgen in der Sendung „Markt“ des westdeutschen Fernsehens sind wir der Überzeugung, dass Norbert Röttgen genau das getan hat, was man tun muß, um einen seriösen, fundierten Kommentar zur Situation Bisphenol A abzugeben: Er hat sich auf die Fakten bezogen und hat sich nicht an den Spekulationen beteiligt, die leider von einem Mitarbeiter seines Amtes in der Vergangenheit schon mehrfach geäußert wurden.

Abschließend können wir Ihnen versichern, dass die europäische Themopapierindustrie, die bereits in 1995 gegenüber dem deutschen Umweltbundesamt eine Selbstverpflichtung hinsichtlich des Einsatzes von Chemikalien eingegangen ist, keine Stoffe einsetzt oder einsetzen würde, bei denen ein gesundheitsschädlicher Effekt nachgewiesen wäre.

ETPA - European Thermal Paper Association
Meine Fragezeichen bleiben.

Mittwoch, 3. November 2010

Princess Leia is calling! Holographisches Teleconferencing im Prototyp


Holographische Telepräsenz ist machbar, belegt dieser Prototyp. Das heisst z.B., das an Ort X in nahezu Echtzeit aufgenommene Hologramm kann per Datenleitung an Ort Y transportiert und dort in nahezu Echtzeit als Hologramm dargestellt werden. Das zeigt das Video: holographische 3D-Videotelefonie scheint erreichbar. Das Team hinter dem Artikel "Holographic three-dimensional telepresence using large-area photorefractive polymer" (P.-A. Blanche, A. Bablumian, R. Voorakaranam, C. Christenson, W. Lin, T. Gu, D. Flores, P. Wang, W.-Y. Hsieh, M. Kathaperumal, B. Rachwal, O. Siddiqui, J. Thomas, R. A. Norwood, M. Yamamoto & N. Peyghambarian) in der morgigen Ausgabe von Nature schreibt dazu:
This movie shows the concept of 3D telepresence. The 3D images of two of our researchers located in location A are sent via internet to another location B. Our 3D system at location B displays the two researchers. The movie is in real time and shows the speed of the entire process. Credit: Blanche et al. Nature
Der Artikel nimmt gleich zu Beginn Bezug auf diese Szene aus Star Wars:

Nasser Peyghambarian, einer der Autoren, meinte im Interview, dass es durchaus möglich sei, das System bis in 5 bis 10 Jahren auf HD-Video und 30 Bilder pro Sekunde zu pushen.

Samstag, 23. Oktober 2010

Die European Thermal Paper Association zu BPA Bisphenol A in Thermopapier

Koehler, einer der wichtigen Thermopapierhersteller in Europa, schreibt auf seiner Website:
Direct thermal papers containing Bisphenol A are safe to use
The European Thermal Paper Association (ETPA) confirms the safety of direct thermal papers.
Und verlinkt zum Dokument der Thermopapier-Industrieorganisation ETPA von Oktober 2010, die in Zürich bei der AC Treuhand AG (swissinfo 11.11.09: "Kartellrecht: EU büsst Ciba und AC Treuhand") beheimatet ist. Darin sagt die Thermopapier-Industrieorganisation, ähnlich wie bereits vor 2 Jahren und im Oktober 2009 erneut, die Thermopapiere seien sicher:
Direct thermal papers containing Bisphenol A are safe to use
The European Thermal Paper Association (ETPA) confirms the safety of direct thermal papers
Als Belege für die Sicherheit des BPA-haltigen Thermopapiers nennt die Thermopapier-Industrieorganisation:
Bisphenol A is used for a range of applications and ranks as one of the best investigated substances in the world. No studies have ever achieved reproducible results indicating negative impact. The Federal Institute for Risk Assessment (BfR) stated clearly in 2008 that there is no risk to human health through handling products which contain Bisphenol A, and has recently reaffirmed this position.
Kommentar: Die ETPA verallgemeinert zu "there is no risk to human health through handling products which contain Bisphenol A", was das BfR spezifisch für die Tierversuchs-Studien von Stump und Ryan sagt: "Aus Sicht des BfR lässt sich aus den beiden neuen Studien kein Verdacht auf ein spezifisches schädigendes Potenzial von Bisphenol A für Verhalten und neurologische Entwicklung ableiten." Zudem: Die beiden Studien machen, anders als die ETPA insinuiert, keine Aussage über das "handling" von "products which contain Bisphenol A", sondern in den Studien wurde den Ratten BPA ins Trinkwasser gegeben. Anfang 2010 erklärte die Medienstelle des BfR auf meine Anfrage:
Das BfR hat sich mit der Bisphenol A Problematik nach Auskunft unseres Experten bisher nur hinsichtlich der oralen Aufnahme über Lebensmittel beschäftigt. Der von mir befragte Kollege sagte daher, dass er nicht beurteilen kann, wie viel von dem auf die Haut übertragenen Bisphenol A in das Blut übergeht und wie hoch die Belastung des Körpers damit ist. Deshalb kann er keine Aussagen aus toxikologischer Sicht machen, weil dazu die Konzentration über einen längeren Zeitraum im Körper abgeschätzt werden müsste, wenn man täglich mit Thermopapier umgeht. Wie vermutet wäre diese Risikoabschätzung aber eine Aufgabe des Arbeitsschutzes. Es liegen im BfR folglich keine Abschätzungen vor, welche Mengen an Bisphenol A in welcher Zeit über die Haut aufgenommen werden könnten und welche Risiken für Menschen daraus erwachsen, die täglich mit derartigen Papieren umgehen.
Und "No studies have ever achieved reproducible results indicating negative impact." ist schlicht falsch. Die ETPA schreibt weiter:
The European Food and Safety Association (EFSA), after intensive study of the scientific evidence, has also reached the same conclusion, which is reflected in the high and thus non-critical threshold value (TDI) that EFSA established for Bisphenol A already in 2006. This position was reaffirmed by EFSA on 30.09.2010 after a new round of intensive research.
Kommentar: Bemerkenswert ist an dem EFSA-Bericht immerhin, dass darin EFSA-Panelmitglied Catherine Leclerq vom "Istituto Nazionale Ricerca Alimenti e Nutrizione" eine abweichende Minderheitsmeinung vertritt. Sie sieht in neuen Studien Grund genug, den aktuellen Grenzwert zu einem "temporären" zu erklären. Die ETPA weiter:
The British Environmental Agency states in the Risk Assessment it issued in February 2010 that there is no risk to human health through handling direct thermal papers which contain Bisphenol A. The report also confirms that there is no risk to the environment, e.g. through the recycling of direct thermal papers.
Kommentar: Anders als die ETPA schreibt, stammt der Inhalt des Reports aus dem Jahr 2008. Im Februar 2010 wurden lediglich seine beiden Teile von 2008 in einem Dokument veröffentlicht. Neue Daten sind seit 2008 keine eingeflossen. Das steht bereits auf dem Deckblatt:
Complete risk assessment in one document (February 2010) - The risk assessment report of Bisphenol-A from 2003 has been merged with the addendum from 2008 to have all information available in one document. Within this document you will find first the Addendum from 2008 for both Environment and Human Health and then the complete RAR from 2003. The Addendum includes the summaries of all the endpoints for exposure and hazard from the 2003 RAR to which new relevant information had been added. Based on this the risk characterisation had been revised.
Und zudem macht der Report keine direkte, fundierte Aussage über das Risiko aus dem Umgang mit Thermopapier. Es steht auf S. 123 unter 4.1.1.2. Consumer Exposure:
Other uses of bisphenol-A, such as in printing inks and thermal paper, are considered to result in negligible potential for consumer exposure in comparison with the other sources considered and therefore will not be addressed further in this assessment.
Das heisst: Weil die Studie a priori davon ausgeht, das Potential für eine Exposition der KonsumentInnen sei vernachlässigbar, geht sie dieser für die ETPA zentralen Frage nicht weiter nach und kann der Organisation darum eigentlich nur sehr bedingt als Kronzeugin dienen. Jüngste Studien (und ganz aktuell auch die INRA Toulouse) zeigen, dass gerade diese a priori Annahme in Frage zu stellen ist. Und in einer Studie mit Schwangeren, die deren Blut (Korrigendum:) Urin auf BPA-Gehalt untersuchte, stellten Joe M. Braun et al. fest, dass Kassiererinnen den höchsten Wert hatten:
By occupation, cashiers had the highest BPA concentrations (GM: 2.8 μg/g).
Die ETPA weiter:
Migration tests conducted at the University of Zurich indicate that, if at all, only miniscule quantities of Bisphenol A can be absorbed through the skin and thus enter the bloodstream. These quantities are negligible when measured against the threshold value established by EFSA.
Kommentar: Anders als die ETPA in ihrem Statement behauptet ("Migration tests conducted at the University of Zurich"), hat das Zentrum für Fremdstoffriskoforschung der Uni Zürich KEINE eigenen "migration tests" durchgeführt (jedenfalls ist dem von der ETPA referenzierten Dokument nichts dergleichen zu entnehmen).
Das Statement des "Centre for Xenobiotic Risk Research", auf das sich die ETPA bezieht, unterzeichnet von Prof. M. Arand, Prof. R. Eggen, Prof. S. Krähenbühl, Prof. H. Kupferschmidt, Prof. HP Nägeli, Prof. A. Odermatt, Prof. H. Segner, Dr. N. von Götz und Dr. Timo Buetler, beginnt im ersten Satz mit der Aussage:
In der Presse wurde vor kurzem darüber berichtet, dass Thermopapier, wie es in Kassabons verwendet wird, bis knapp 2% des Weichmachers Bisphenol A enthalten kann.
Auch wenn unter der Aussage die Namen von 9 Fachpersonen stehen: Bisphenol A ist KEIN Weichmacher. Weiter unten zitiert das Statement der Fachleute des "Centre for Xenobiotic Risk Research" eine französische Aufnahmestudie an Schweinehaut als einziges Indiz. Dabei wären in der Fachliteratur durchaus auch Berichte über die Durchlässigkeit von menschlicher Haut für BPA zu finden, die die Fachleute aber offenbar nicht beizogen.
Schliesslich schreibt die ETPA weiter:
The German Minister of the Environment, Dr. Norbert Röttgen, stated in the Westdeutsche Fernsehen TV programme "Markt" on 7.6.2010 that, "Bisphenol A in sales receipts is harmless, as there is no significant absorption through the skin. It has been known for a long time that Bisphenol A is present in direct thermal papers. Bisphenol A has no actute toxicity."
Kommentar: Die Meinung des Deutschen Umweltministers in Ehren, aber solange nicht dargelegt ist, worauf er sich bezieht, kann sie nicht zur Beweisführung beigezogen werden. (Addendum: Und eine "acute toxicity" hat der Chemikalie im Zusammenhang mit Thermopapier auch nie jemand unterstellt.)
In view of these scientific facts, ETPA considers the use of Bisphenol A for the production of direct thermal papers to be safe and responsible. Direct thermal papers are safe to use and do not pose a risk to human health or to the environment.
October 2010
Kommentar und Fazit: Die "scientific facts", auf die die ETPA bezüglich Bedenkenlosigkeit von Thermopapier referiert, sind, gelinde gesagt, an einem sehr kleinen Ort.


NACHTRAG: Die ETPA hat auf meine Fragen hier geantwortet.

Freitag, 15. Oktober 2010

BPA Bisphenol A im Neuenburger Trinkwasser

Le Matin titelt gestern:

Neuchâtel: des traces de bisphénol-A découvertes dans l'eau potable

Während die Zeitung korrekt von "traces" spricht, lautet der Titel des offiziellen Communiqués des Kantonslabors:

Pas de perturbateurs endocriniens dans l'eau potable du canton

Und dort, im Communiqué der Neuenburger Staatskanzlei steht dann:
Le bisphénol-A a été observé dans 6 ressources en eau, à des concentrations comprises entre 6 et 28 ng/l. Dans quatre cas, le traitement appliqué à l’eau pour la rendre potable avait éliminé le contaminant. Dans un cas, il en avait réduit la concentration des deux tiers. Dans un dernier cas, le traitement avait augmenté la concentration à 40 ng/l, ce qui traduit une légère contamination par l’installation de traitement.

Das heisst: An 6 Orten mass das Labor BPA im Wasser ab der Quelle. Was für Quellen das sind, darüber schweigt das Communiqué sich leider aus. Und heute war dort niemand für eine klärende Antwort zu erreichen. Wie argumentiert das Labor, dass seine Messwerte unbedenklich sind? So:
L’Office fédéral de la santé publique a fixé à 75 ng/l d’eau potable la limite de préoccupation toxicologique pour les contaminants les plus toxiques. Aucune des concentrations mesurées de bisphénol-A n’atteint cette valeur. La campagne menée permet de conclure que l’eau potable distribuée dans le canton ne présente aucun risque du point de vue endocrinien.

Woher kommt die Unbedenklichkeitserklärung für alles unterhalb von 75ng/l? Das BAG schreibt unter "Chemische Stoffe im Trinkwasser:
Um den Vorrang der Stoffe festzulegen, welche toxikologisch ausgewertet werden müssen, hat das BAG das Vorgehen des TTC-Konzepts vom ILSI (International Life Science Institute Europe) anerkannt. Dieses Konzept schlägt einen Höchstwert von (≤75ng/L) für bestimmte Stoffklassen vor. Überschreiten die nachgewiesenen Fremdstoffe diese Konzentration, kann ein gesundheitliches Risiko nicht ausgeschlossen werden. Im Fall einer Überschreitung ist es deshalb empfehlenswert, im Rahmen der Selbstkontrolle ein toxikologisches Gutachten in Auftrag zu geben, um das potenzielle Risiko abschätzen zu können. Unterhalb dieses Wertes ist nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft davon auszugehen, dass praktisch kein Risiko für die Gesundheit besteht.

Das BAG referiert also auf ein "TTC-Konzept" eines "ILSI Europe". Auf dessen "Mission and Values"-Seite lesen wir:
ILSI Europe is funded primarily by its industry members.

Und die gehen von Abbott über BASF und Coca-Cola zu Nestlé, Tetra Pak, Unilver und Yakult Europe.

Fassen wir zusammen: Neuenburg verlässt sich in Sachen Grenzwert für BPA im Trinkwasser auf das BAG. Das BAG seinerseits stützt sich auf das "ILSI Europe", eine grossmehrheitlich industriefinanzierte Organisation in Brüssel. 2006 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO das ILSI von der direkten Mitarbeit bei der Festsetzung von globalen Standards für Wasser und Nahrungsmittel ausgeschlossen mit der Begründung, es sei zu einseitig finanziert (Environmental Health Perspectives über den Vorgang). Sourcewatch bezeichnet das ILSI als Lobbyorganisation. ILSI selber verwehrt sich allerdings gegen die Bezeichnung (Replik auf ILSI). Das Expertengremium des ILSI hat einen in seinen Worten "pragmatischen" Grenzwert für irgendwelche Fremdstoffe in Nahrungsmitteln festgelegt:
The Thresholds of Toxicological Concern (TTC) is a pragmatic risk assessment tool that is based on the principle of establishing a human exposure threshold value for all chemicals, below which there is a very low probability of an appreciable risk to human health. The concept that there are levels of exposure that do not cause adverse effects is inherent in setting acceptable daily intakes (ADIs) for chemicals with known toxicological profiles. The TTC principle extends this concept by proposing that a de minimis value can be identified for many chemicals, in the absence of a full toxicity database, based on their chemical structures and the known toxicity of chemicals which share similar structural characteristics. The establishment and application of widely accepted TTC values would benefit consumers, industry and regulators.
An Expert Group of the ILSI Europe Threshold of Toxicological Concern Task Force has examined the TTC principle for its wider applicability in food safety evaluation, and concluded that the TTC principle could be applied for low concentrations in food of chemicals that lack toxicity data. The use of a decision tree to apply the TTC principle was proposed, and this paper describes the step-wise process in detail.

Das vom BAG in der Beziehung als relevant bezeichnete "TTC-Konzept" und seine Herleitung beschreibt das "ILSI" hier ausführlich. Dort gibt's tatsächlich einen Abschnitt über hormonaktive Substanzen. Darin wird wieder auf ein anderes Gremium referiert, das sich 2002 auf der Basis von damals erhältlichen Daten zu BPA geäussert hat:
The SCF in its recent evaluation of bisphenol A (SCF, 2002) concluded that the data on endocrine disrupting effects at very low doses were inconsistent and had not been replicated by subsequent studies. The effects reported at very low doses were not used as the basis for establishing a temporary tolerable intake for this compound. In view of the uncertainties, it seems premature to consider low-dose effects for endocrine disrupting chemicals in the application of a threshold of toxicological concern.

Fazit: Die im neuenburger Trinkwasser gemessenen Mengen von BPA sind klein. Die Unbedenklichkeitserklärung dafür hat keine ganz so wasserdichte Basis, wie die Behörden vermitteln.

Uebrigens: In älteren Untersuchungen (siehe u.a. letzter Abschnitt dieses Postings) hat die Wasserforschungsanstalt EAWAG im Zufluss zu einer Abwasserreinigungsanlage, also in Haushaltsabwässern, BPA gemessen in Konzentrationen von rund 4'500 ng/l.

Freitag, 10. September 2010

Adressdaten geocodieren und ihre Lage mit Google Maps darstellen

Manchmal wär's zur Veranschaulichung von irgendwas ganz praktisch, man hätte eine Karte, die anzeigt, wo überall die Adressen liegen, die man grad erfasst hat. So geht das relativ einfach:

1. Adressdaten erfassen in Tabellenkalkulation. Z.B. Google Docs. Für Strasse und Stadt je eine separate Spalte
2. Daten von dort exportieren als Text (Bei Google Docs: Datei -> Herunterladen als -> Text)
3. Das Textfile öffnen, alles markieren und kopieren
4. Bei http://www.batchgeo.com/de/ in Textfenster in "Schritt 1" einfügen
5. "Bestätigen" klicken
6. Spalten den korrekten Adressteilen zuweisen
7. "Run Geocoder" klicken. Warten...
8. "Speichern / Drucken / Veroeffentlichen" klicken und Formular ausfüllen, auf "Karte speichern" klicken
9. Die Karte erscheint!
10 Ganz runter scrollen auf der Seite
11. Auf "Google Earth KML" klicken, die KML-Datei herunterladen (ev. ihr einen eigenen Namen geben)
12. Mit einem Text editor die Datei öffnen und die paar Zeilen am Anfang des Files löschen in denen Style id="0" und Style id="1" definiert sind.
13. File unter neuem Namen abspeichern
14. Zu maps.google.ch gehen und mit Deinem Google-Account einloggen
15. Auf "Meine Karten" klicken
16. Auf "Neue Karte erstellen" klicken
17. Auf "Importieren" klicken und die vorhin unter neuem Namen gespeicherte Datei auswählen.
18. Hochladen, warten und
19. Fertig ist die Karte!

Damit hab ich zum Beispiel diese Karte erstellt, die zeigt, woher überall Einsprachen kamen gegen den Teil der baselstädtischen Zonenplanrevision, der die Milchsuppe betrifft:



Einsprechende auf einer größeren Karte anzeigen

Donnerstag, 15. Juli 2010

Die Wasserstoff Gesellschaft ist in Griffweite - im Prinzip

Angeregt von diesem Vortrag von MIT-Chemiker Dan Nocera...



... und regelmässig als Benutzer des öVs genervt von den Abgasschwaden des Pendlerverkehrs ...



... und erfreut über den Start der Serienproduktion der Brennstoffzelle von Fronius, hab ich mich mal schlau gemacht, wie weit wir in Sachen Wasserstoff eigentlich schon sind. Dazu besuchte ich den an Metallhydriden forschenden Physiker Klaus Yvon von der Universität Genf, Philipp Dietrich, Leiter des Kompetenzzentrums Energie und Mobilität des Paul Scherrer Instituts der ETH (und Partner bei der von Nicolas G. Hayek gegründeten "Belenos Clean Power Holding", wo u.a. George Clooney im VR sitzt) und den Solarpionier Urs Muntwyler. Herausgekommen ist diese halbe Stunde, die am 14.7.2010 in Kontext zu hören war:



Mein Fazit: Wenn unsere Enkel fossile Energieträger und deren Folgen nur noch aus Gruselgeschichten kennen, dann werden wir das unter anderem den oben genannten Pionieren zu verdanken haben. Und die Chancen, dass es soweit kommt, stehen besser als auch schon!

Donnerstag, 8. Juli 2010

Bee Defensin-1 - oder: Warum Honig antibakteriell wirkt

Die Forschungsgruppe um den Amsterdamer Biomediziner Sebastian Zaat publizierte vor kurzem ihre Erkenntnisse darüber, warum Honig antibakteriell wirkt: "How honey kills bacteria; Paulus H. S. Kwakman, Anje A. te Velde, Leonie de Boer, Dave Speijer, Christina M. J. E. Vandenbroucke-Grauls, and Sebastian A. J. Zaat" (Communiqué dazu). Sie identifizierten darin das Peptid "Bee Defensin-1". Im Interview erläutert Zaat, was die Bedeutung der Entdeckung ist und wie sie vorgegangen sind:


Stefan Baum, Pflegefachmann am Kantonsspital Luzern, setzt Honig in der Wundpflege in ganz speziellen Fällen regelmässig ein. Er erläutert, wo das, was wir primär als Brotaufstrich kennen, medizinisch sinnvoll angewandt wird:

Die Interviews sind Rohmaterial für einen Beitrag in der Rubrik "Wissen aktuell" auf DRS1 und im Magazin DRS2aktuell.

Dienstag, 6. Juli 2010

Wenn's Flugzeugbenzin vom Himmel regnet...

Die US-Fernsehstation WREG berichtete unlängst von merkwürdigen weissen Flecken, die über Nacht auf Blättern aufgetaucht seien, zu Löchern wurden und die Pflanzen teilweise absterben liessen. Die Auflösung scheint eine FedEx-Maschine zu sein, die kurz nach dem Start umkehren musste und vor der Landung ihr Zuviel an Flugbenzin abliess:
 

Stadtentwicklung in Basel auf Kosten der Familiengärten


Weitere Informationen u.a. hier.

Samstag, 19. Juni 2010

BP deepwater horizon: Verrohrung defekt?

Nachdem alle bisherigen Versuche, das Loch zu stopfen, gescheitert sind, tauchen nun da und dort ernstzunehmende Andeutungen und Hinweise darauf auf, dass sogar die Verrohrung im Bohrloch defekt sein könnte. Darum wollte ich vom Bohringenieur Andreas Macek wissen, wie er diese Möglichkeit einschätzt. Kurzfassung: Alles in allem sieht es ihm auch danach aus, dass Oel und Gas auch direkt aus dem Bohrloch in den Untergrund dringen und diesen möglicherweise instabil machen.

Freitag, 4. Juni 2010

BP deepwater horizon: LMRP ist drauf, aber...

Gestern Abend spät kam der Deckel (Zylinder rechts oben) "angeflogen":
Bildschirmfoto 2010-06-04 um 00.28.35
Nahaufnahme:
Bildschirmfoto 2010-06-04 um 00.38.42
Jetzt sitzt er auf dem Riser-Stummel auf dem BOP. Aber das Oel spritzt - von Auge geschätzt - unvermindert weiter:
Bildschirmfoto 2010-06-04 um 06.54.34
Und weiterhin mischt BP Unmengen Dispergenzien in die Oelfontäne:
screensh40

Donnerstag, 3. Juni 2010

BP deepwater horizon : riser-Rohr ist abgesägt abgezwackt

20min meldet's. Genauer steht's hier: Der Riser wurde mit einer Riesenzange abgezwackt. Jetzt muss hier der "Absaugstutzen" drauf:
Bildschirmfoto 2010-06-03 um 16.48.59
Aus etwas Distanz:
Bildschirmfoto 2010-06-03 um 17.10.44
(Was bisher geschah...)

BP und deepwater horizon: Das Leck wird grösser?

Vor 48 Stunden spritzte das Oel "nur" direkt aus dem Winkel des gequetschten Riserrohrs:
Bildschirmfoto 2010-06-01 um 02.46.21
Dann setzte BP die Kettensäge an:
screensh2
In der Uebersicht sah das so aus:
screensh8
Von der anderen Seite:
screensh14
Im Detail:
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Dann wurde die Sache irgendwie unübersichtlich:
Bildschirmfoto 2010-06-02 um 07.03.41
Kurz darauf nahm BP die Kettensäge weg. Und jetzt scheint es so, als ob Oel an einem zusätzlichen Leck beim Flansch zwischen BOP und Riser, der voher dicht war, rausspritze:
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Was geht da vor?
UPDATE: Das Riser-Rohr scheint jetzt abgesägt zu sein.

Freitag, 23. April 2010

Die "Germanophobie" der Deutschschweizer - auf den Spuren eines Begriffs / Teil 1

Marc Helbling ist ein junger Schweizer Politologe. Er arbeitet derzeit am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Sein, salopp ausgedrückt, "Steckenpferd": Die Germanophobie. Vor allem ihre Spielform in der Schweiz, genauer: in der Deutschschweiz. Angeblich hat er eine Studie darüber verfasst, wie die Deutschen in Zürich ankommen. "Angeblich", denn sie ist noch nirgends publiziert, ist ergo nicht nachprüfbar. Alles, was die weitere Oeffentlichkeit über ihren Inhalt weiss, stammt aus Communiqués, Essays von und Interviews mit dem Autor. Auf seiner Site steht:
Marc Helbling (2010): “Why Swiss-Germans dislike Germans. On negative attitudes towards a culturally and socially similar group” (Revise and resubmit, European Societies).
Einem kleinen Kreis ist sie, vermutlich in Auszügen, bekannt, denn Helblings Vortrag an der Jahresversammlung der Schweizerischen Vereinigung für Politische Wissenschaft am 8.1.2010 trug denselben Titel (pdf). Ausserhalb dieses Zirkels kennt niemand die Studie im Wortlaut, aber es reden schon alle darüber. Gepusht hat das diese Pressemitteilung des WZB vom 9. Februar (auch hier bei IDW). Zusätzlich ging die These gleichentags über den PR-Ticker pressetext. Und zwei Tage später publizierte Helbling selber in Printausgabe von Tages Anzeiger und Bund einen Aufsatz mit dem Titel:
Wieso auch Gebildete germanophob sind / Unbeliebte Deutsche; Gründe von Marc Helbling
Danach war die These von der wissenschaftlich untermauerten "Germanophobie" der Deutschschweizer schlechthin lanciert. Nur online, auf der Website des "Newsnetz" (Verbund von baz, tagi usw.), aber später nicht in Print, war schon am nächsten Tag ein Interview zu lesen mit Helbling, wo über die Grundlage seiner Aussagen stand:
Die Studie fusst auf der Befragung von 1300 Zürcherinnen und Zürchern zu ihrer Meinung über Einwanderer.
Nicht ganz irrelevant wäre die Information darüber, WANN denn die Umfrage durchgeführt wurde (und warum 1300 Zürcher alle Deutschschweizer repräsentieren können). Aber weil offenbar - bisher - niemand sich die Mühe gemacht hat, Helbling mal nach dem Text der Studie zu fragen und dort nachzusehen, vermittelt die Berichterstattung über ihren Inhalt den Eindruck, darin seien aktuelle Daten verwendet worden. Falsch! Marc Helbling hat mir freundlicherweise seine Arbeit gemailt in der Version vom 22.4.2010 (ev. differiert diese von der dann schliesslich publizierten!). Und dort steht auf Seite 9:
The only survey that included relevant questions and that will be used in the analyses below was conducted between October 1994 and March 1995 in the town of Zurich and included over 1’300 interviews with Swiss citizens that were between 18 and 65 years old. (Fussnote: The survey was organized by the Institute of Sociology of the University of Zurich.)
Helbling argumentiert also mit empirischen Daten, die 15 Jahre alt sind. Gewagt! to say the least. Warum das trotzdem ginge, dafür argumentiert er so:
Thus, I am not able to measure the impact of the growth of German immgration. It might, however, be assumed that German immigration does not so much have a direct impact on attitudes towards Germans, but increases the explanatory power of other factors. Thus, if we already find some explanations for the mid-1990s, it can be assumed that these effects have increased with the growing number of German migrants.
Zu Deutsch: Was vor 15 Jahren galt, gilt heute erst recht und sogar, angesichts der starken Zuwanderung, noch stärker. Oder nochmal anders: Wenn aus den 15 Jahre alten Daten sich eine antideutsche Haltung der Befragten herausdestillieren lässt, dann werden die Erklärungen dafür, wie es zu dieser Einstellung kommen konnte, umso valider, je mehr Deutsche in der Schweiz Leben. Das ist Helblings Kernthese, an der er alles aufhängt! Wie gut er die untermauert in seinem Paper, müssen die Fachleute beurteilen, wenn es denn mal tatsächlich publiziert ist. Meine unmassgebliche Meinung: Für den medialen Rummel, den das WZB um die Studie inszeniert hat, ist ihre empirische Grundlage etwas zweifelhaft (15 Jahre alte Umfrage + aktuelle Medienberichte aus Blick, Tagi, NZZ, TV) und sind die daraus abgeleiteten Erkenntnisse ziemlich einfach gestrickt (auch gut Ausgebildeten mit Schweizer Pass stinkt's, wenn's mehr Deutsche Konkurrenz um gute Jobs gibt). Damit er diese Haltung "Germanophobie" nennen kann, definiert Helbling sie so:
The term ‘germanophobia’ circumscribes here negative attitudes towards persons that can be distinguished on national or ethnic terms. Following Fishbein and Ajzen (1975) I distinguish attitudes from cognition and behaviour (see also Duckitt 2003). For Ajzen and Fishbein (1975: 54, 64) an attitude is “a person’s general feeling of favourableness and unfavourableness” and “an index of the degree to which a person likes or dislikes an object.” Thus, the term “germanophobia” is used here interchangeably with the expression “dislike of Germans”. This also makes clear that we do not investigate behavioural desire regarding Germans or real discriminate behaviour.
In meinen Ohren klingt "Germanophobie!" wie ein Kampfbegriff, nur weiss ich noch nicht recht von wem und zu welchem Zweck. Wer wird ihn wohl als erster in welchem Zusammenhang operationalisieren? Oder tat das Communiqué des WZB dies schon? Und was war dann der Zweck? On verra.

Ein kurzer Blick auf die Zahlen zeigt, wie bis 2007 die Bevölkerungsentwicklung im Kanton Zürich aussah:



Gegenüber dem Zeitraum, für den Helbling über Daten verfügt (94/95), hat sich die Zahl der Deutschen im Kanton Zürich also, auch gemäss jüngster Statistik, mindestens verdreifacht.
Eigentlich hätte man gerne eine etwas präzisere Referenz, woher genau Helbling seine Umfragedaten hat, wenn er daraus den immerhin recht pauschalen und harten Vorwurf ableitet, die Deutschschweizer seien germanophob. Mehr als 94/95 und "soziologisches Institut Zürich" ist in seinem Paper allerdings nicht zu finden. Erst eine Recherche im Medienarchiv smd führt schliesslich zur Quelle. Dort steht in einem Artikel aus der NZZ vom 17. April 2001, in einer Besprechung des Buches "Jörg Stolz: Soziologie der Fremdenfeindlichkeit. Theoretische und empirische Analysen";
Die empirischen Daten stammen aus einer repräsentativen Umfrage unter 1300 Schweizern und Schweizerinnen im Alter von 18 bis 65 Jahren in der Stadt Zürich im Winter 1994/95. Sie war Teil eines grösseren Projektes des Soziologischen Institutes Zürich mit dem Titel «Das Fremde in der Schweiz».
Das entspricht den Angaben Helblings, wird also wohl seine Quelle sein. Mit demselben Titel ist im Seismo Verlag eine Aufsatzsammlung erschienen 2001.
Sehr anders schätzt Jörn Lacour die Situation ein. Er ist Autor des "Schweizbuchs" und führte auf seiner Website im April 2010 eine Umfrage zum Verhältnis von Deutschen und Schweizern durch. Deren Ergebnisse sind natürlich nicht repräsentativ und unter anderem darum ebenfalls mit grösster Vorsicht zu geniessen.

Eine kurze Recherche bei der smd zeigt, wo "Germanophobie" in den letzten Jahren auftauchte, bevor Marc Helbling den Terminus in seinem (unveröffentlichten) Paper anfangs Februar in die Diskussion einführte. Es waren bis anhin nur wenige Stellen:

Heiner Geissler, NZZ am Sonntag, 18.11.2007: "Eine Germanophobie, eine Art Deutschenangst, ja sogar Deutschenfeindlichkeit soll sich in der Schweiz breitmachen, will man den Features und Artikeln der Schweizer Medien folgen, in denen von gechassten Moderatorinnen, demolierten Autos und isolierten Familien berichtet wird, die eines gemeinsam haben: Sie sind deutscher Herkunft. (...) Was der Pole für den Deutschen, wird der Deutsche für den Schweizer. (...)"

Roger de Weck, Sonntagszeitung, 3.1.2010: "(...) Seit je hat die NZZ enge Bande zur akademischen Welt und natürlich zur Universität Zürich. Deutsche Wissenschaftler mehren die Qualität dieser Uni und der ETH. Doch bislang fand das Blatt der Intellektuellen kein Wort des Sukkurses für ausländische Professoren, die von den Fremdenfeinden verunglimpft werden. In chauvinistischen Zeiten scheuen auch andere Redaktionen davor zurück, der Germanophobie frontal zu begegnen und nebenbei den kosmopolitischen Wissensplatz Schweiz vor Schaden zu schützen. "

Andreas Kilcher, Tages Anzeiger, 8.1.2010: "So jagt die Muslimophobie die Germanophobie etc. Das Angstobjekt ist austauschbar. Arme verängstigte schweizerische Schweizer: Sie sind umstellt von Phantasmen der Angst."

Und dann kam Helbling.

to be continued...

Nachtrag 28.4.: Im "Bild der Wissenschaft" 5/2010 auf Seite 7 wird Helblings Studie ebenfalls referiert. Die "-phobie" wird da bereits zum "-hass":
In der Schweiz lebende Deutsch werden bei den Eidgenossen immer unbeliebter. Die Gründe für diese "Germanophobie" hat Marc Helbling vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung jetzt erstmals in einer Studie untersucht. (...) Ein wichtiger Aspekt des Deutschenhasses ist laut Helbling der ökonomische Faktor (...) Die Studie widerlegt damit die bisherige Annahme der Migrationsforscher, wonach gebildete Menschen weniger fremdenfeindlich sind.

Montag, 12. April 2010

Heute vorgestellt: das WePad, die Alternative zum iPad - vielleicht

Und in diggnation hatten sie's vor einigen Tagen davon:

Zum Tod von Malcolm McLaren: Reprise des Portraits aus dem Jahr 2000

Am vergangenen Donnerstag verstarb viel zu früh der schillernde Malcolm McLaren. Vor 10 Jahren hatte ich das Glück, ihn in Karlsruhe anlässlich einer Ausstellung einiger seiner Werke, treffen zu dürfen. Er erzählte über die Ideen hinter seiner Kunst, die Sache mit den Sex Pistols, die Situationisten und den Anruf von Guy Debord und wie es im Jahr 2000 ist, Malcolm McLaren zu sein. Das ist danach entstanden für die Sendung Reflexe auf DRS2:

Und für die Fans: Das ist das Interview-Rohmaterial ungeschnitten, sprich: McLaren im O-Ton über längere Passagen. Leider nur ein 64kBit MP3. Wenn ich die Minidisk noch finde, was eher unwahrscheinlich ist, lad ich mal noch eine bessere Qualität hoch.

NACHTRAG: Hier ist der Nachruf auf McLaren aus der Feder des sehr geschätzten Nick Joyce.

Donnerstag, 1. April 2010

Der Tag der ersten 7TeV Kollisionen im LHC des CERN

Letzten Dienstag war's soweit: Im Teilchenbeschleuniger LHC am CERN in Genf kollidierten Protonen erstmals bei vorher noch nie erreichten Energien: 7TeV. Das grösste physikalische Experiment der Weltgeschichte erreicht damit einen wichtigen Meilenstein. Meine Wenigkeit hat den Tag vor Ort verbracht - in den Kommandozentralen der beiden wichtigsten Experimente, des Atlas- und des CMS-Experiments. Atlas und CMS sind zwei Detektoren, die die Teilchenkollisionen detalliert beobachten. Die Reportage beantwortet Fragen wie: Spürt der LHC den Vollmond? Erzeugt der Beschleuniger radioaktiven Müll? Und: Wie erklärt ein Physiker den Sinn dieser Maschine seinem Patenkind?

Donnerstag, 4. März 2010

"Plastic Planet" kommt in die Schweizer Kinos

Praesens Film meldet, Werner Bootes Dok-Film komme ab dem 25. März in Schweizer Kinos. Wo genau, hab ich leider nicht eruieren können.
Simon Thönen schreibt im Vorfeld des Filmstarts heute in einem ausführlichen Artikel notabene im Wirtschaftsteil der "Südostschweiz", auf Seite 21 (leider nicht integral online verfügbar, darum hier nur als Ausschnitt die ersten paar Zeilen):
Unvermittelt kündigte die Schweizer Plastikindustrie die gute Tat an: Am 23. September 2009 gab der Kunststoff-Verband Schweiz (KVS) die Gründung eines Fonds für nachhaltige Kunststoff-Wiederverwertung in Entwicklungsländern bekannt. Das Motiv wurde damals nur diskret erwähnt: Ein Film stelle Plastik als «mögliche globale Bedrohung» dar und werfe «wichtige Fragen» auf.
«Ein Film?» werden sich die wenigen gefragt haben, die die Ankündigung überhaupt zur Kenntnis nahmen. Denn «Plastic Planet», der Film des Österreichers Werner Boote, war in der Schweiz bisher kein Thema - er wird voraussichtlich am 25. März in unsere Kinos kommen. Der KVS wollte offenbar vorsorgen. «Wir waren alarmiert, ganz klar», sagt dessen Präsidentin, die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala.
«Plastic Planet» zeigt spielerisch, wie selbstverständlich wir in Unmengen von Plastik leben. Verblüfft schaut man zu, wie Familien in allen Weltgegenden Habseligkeiten aus Plastik vor ihren Häusern auftürmen. Auch Plastikmüll fand Filmemacher Boote überall: in der Sahara und im Nordpazifik, wo Strömungen einen Plastikmüllteppich entstehen liessen. Kleinste Plastikreste sind dort 60-mal zahlreicher als Plankton - die Fische verenden mit Mägen voller Plastik.
«Das Abfallproblem macht sehr betroffen», sagt KVS-Präsidentin Fiala. Zwar habe sie sich über die Passage geärgert, in der der Filmemacher im Supermarkt Sticker mit der Aufschrift «Plastic kills» auf die Waren klebt. Der KVS nehme aber die im Film thematisierten Probleme ernst, beteuert sie. Mit der Gründung des Fonds trete man den Tatbeweis an. Fiala kann sich vorstellen, die Behörden der indischen Stadt Varanasi zu unterstützen, die im Abfall zu ertrinken droht. Ihr schwebe ein «Know-how-Transfer bezüglich der gesamten Abfallkette vom Sammeln bis zur Wiederverwertung» vor. Ausgewählt würden die Projekte aber von den Fachleuten der Bundesverwaltung.

Dienstag, 9. Februar 2010

Luftverschmutzung und Arterienverkalkung

Wer nahe an vielbefahrenen Strassen wohnt, dessen Blutgefässe verkalken schneller. Das hat eine gestern veröffentlichte Studie des Schweizerischen Tropen- und Public-Health Instituts in Basel festgestellt. Auslöser sind die Feinstäube, die der motorisierte Strassenverkehr verursacht.


So gesendet heute Morgen auf DRS4News.

Als "Web-Special" ein etwas ausführlicheres (5:43) Interview mit Studienhauptautor Nino Kuenzli...:

Mittwoch, 3. Februar 2010

Harmlos oder giftig: Der Streit um Bisphenol A BPA

In Einkaufsquittungen aus Thermopapier finden sich relativ hohe Konzentrationen der Chemikalie Bisphenol A (BPA). BPA wirkt im Tierversuch wie weibliches Geschlechtshormon. Nur wenige Sekunden Fingerkontakt mit den Quittungen reichen, um Spuren des Stoffs auf und teilweise in die menschliche Haut zu übertragen. Via das Recycling von Thermopapier gelangt die Chemikalie in WC-Papier und damit in die Umwelt. Die Hersteller von Thermopapieren sagen, BPA sei harmlos. Kritische Forscher und Umweltorganisationen drängen auf ein Verbot. Der Streit darum, ob BPA, ein elementarer Baustein auch vieler Kunststoffe, harmlos oder hochgiftig ist, beschäftigt Expertengremien weltweit. Eine Auslegeordnung. (27 Minuten Audio)

So gesendet heute in Kontext auf DRS2

Uebrigens: Grad gesten hat die Europäische Behörde für Nahrungsmittelsicherheit EFSA angekündigt, dass sie Anfang April ein Expertenmeeting abhält zum Thema BPA. Und auf Mai 2010 kündigt sie gleichzeitig ein neues Statement zu der Frage an.

Mittwoch, 27. Januar 2010

Trials with Bisphenol A BPA regarding skin contact

Recently the Kantonales Labor Zürich found Bisphenol A BPA in relevant concentrations in some thermal paper receipts of swiss retailers. These are mg BPA / kg thermal paper:

The lab also did some preliminary trials on what happens, once we touch these receipts. Because the work is not published in a journal, here some explaining statements by Sandra Biedermann, of the gaschromatography group headed by Konrad Grob, who did the tests:
How did you do measure the BPA in the receipts?
Translation: "For extracting the Bisphenol A from the paper we add a solvent. We used Methanol, because we know that Bisphenol A dissolves very well in Methanol. The Bisphenol A is extracted from the paper over night at 60 degrees celsius. Then we analyzed the methanol using liquid chromatography, HPLC. (...)"
How did you test what happens when we touch the receipts?
Translation: "We basically simulated a checkout-operator. We took a receipt, held it in our hands for 5 seconds. Then I extracted my fingers in a solvent (this time ethanol). and then measured the content using HPLC. This way I could see, how much coming from the receipt had landed on my fingers."
How much did you find?
Translation: "We measured that on average there were 2 micrograms of Bisphenol A on the fingers."

What influences the quantity?
Translation: "It doesn't matter much if you touch the paper for a longer time or less long. It depends rather on the consistency of the fingers. If they are wet or oily. with wet or oily fingers you can get out easily ten times more."
What happens if I hold the receipt in my hands for a longer period?
Translation: "We also varied the time of touching. Whether I hold the receipt 5 seconds or 60 seconds doesn't make a big difference."
Any idea what happens, once the BPA is on my skin?
Translation: "We did a kind of pre-trial. We put a defined amount on the finger and measured again after one and a half hours. we hardly found anything anymore of it. After that one has to assume that it was taken up, because we know, that it does not evaporate in large amounts. So, yes, we assume, it is taken up."

The KLZH emphasizes that these are just preliminary tests and that the evaluation of the dermal uptake of substances is outside of its field of competences.

Dienstag, 26. Januar 2010

Bisphenol A BPA in receipts gets under your skin



Receipts and toilet paper on their way to be analyzed in the Kantonales Labor Zürich


Relatively high concentrations of BPA are in many receipts and other products made out of thermal paper. New tests by a renowned swiss laboratory, reported by swiss public radio DRS1, show that only few seconds of contact with thermal paper receipts are enough to put traces of BPA on human skin from where, as very preliminary results show, it penetrates into it. Through recycling, BPA finds its way into toiletpaper and consequently into the environment. producers of thermal paper say, BPA is harmless in skin contact according to tests following to OECD-guidelines 402-406 (see Koehler, page 15) and their products are ready for recycling. critical scientists and environmental organisations demand a ban of the substance.

BPA is the central building block for many kinds of plastics. polycarbonate baby-bottles are made out of polymerized BPA. aluminium-cans and tin cans on their inside are covered with a coating based on BPA. Unpolymerized, free BPA in relatively high concentrations is present in the active coating of thermal paper. There is an ongoing dispute on the safety or unsafety of BPA, while the scientific literature on effects in vitro and in vivo amounts to a long list of observations (excerpt).

For swiss public radio DRS the food quality control lab of the swiss canton of Zurich KLZH has measured that 1% up to 1,7% (17'000 mg/kg) of the weight of the thermal papers analyzed were pure BPA. These amounts were to be expected according to numbers provided by the industry. Tests of the same lab also show that after touching these thermal paper receipts with dry fingers for 5 seconds 0,5 to 2 micrograms of BPA were found on the skin. With wet or greasy skin the transfered amount rose up to 20 micrograms. Holding the paper for longer time, up to 60 seconds, did not raise the amount measured on the fingers any more. After applying a defined amount of BPA onto the fingers, then covering the area, after 90 minutes almost no BPA was found on the skin anymore. This lead the lab scientists to the conclusion that it must have been absorbed almost completely. But the KLZH wants to emphasize that these are just preliminary tests and that the evaluation of the dermal uptake of substances is outside of its field of competences. Earlier research by other authors had already indicated that dermal uptake of BPA is possible. An expert in pharmaceutical products for dermal application confirmed that the BPA molecule had almost "ideal" physico-chemical properties for skin penetration.

Through the recycling of thermal paper, BPA in measurable amounts (KLZH: 6 to 7 mg/kg) ends up in toilet paper, made out of recycled material. This way, BPA enters into the environment, as earlier work by Gehring et al has documented. scientific trials show, that the development of sensitive water-organisms can be heavily disturbed by minute concentrations of BPA. The swiss center for aquatic research EAWAG , who had found BPA in waste water, would like to see this leak of BPA into the environment closed. the swiss branch of the WWF demands a ban of BPA.

P.S. the idea for this research is owed to Janet Raloffs article "concerned about BPA? check your receipts!"

Bisphenol A BPA im Kassenzettel geht unter die Haut




Bild 1: Quittungen und WC-Papier auf dem Weg zur Analyse im Kantonalen Labor Zürich

In Einkaufsquittungen aus Thermopapier finden sich hohe Konzentrationen der Industrie-Chemikalie Bisphenol A (BPA). Diese wirkt im Tierversuch wie weibliches Geschlechtshormon. Recherchen des Konsumentenmagazins "Espresso" auf DRS1 zeigen, dass nur wenige Sekunden Kontakt mit den Quittungen reichen, um Spuren des Stoffs auf und in die menschliche Haut zu übertragen. Via das Recycling von Thermopapier gelangt die Chemikalie nachweislich in WC-Papier und damit die Umwelt. Die Hersteller von Thermopapieren sagen, BPA sei harmlos. Kritische Forscher und Umweltorganisationen drängen auf ein Verbot.

BPA ist der zentrale Baustein für viele Kunststoffe. Der durchsichtige Hartplastik der meisten Schoppenflaschen ist daraus aufgebaut. Alu-Dosen und Konservenbüchsen sind mit einem Belag auf der Basis von Bisphenol A ausgekleidet. Von diesen Quellen gelangen winzige Spuren schliesslich in unseren Körper. Was das BPA dort auslöst, darüber tobt unter Fachleuten eine heftige Debatte. Die einen sagen, es gebe überhaupt keinen Grund zur Sorge. Die anderen halten BPA für mitschuld an Fortpflanzungsproblemen, Brustkrebs, Diabetes oder Übergewicht. In den USA, in Kanada und Deutschland fordern Wissenschafter und Umweltorganisationen darum ein Verbot des Stoffes. Behörden und Industrie andererseits sagen, die Chemikalie sei harmlos. Die Thermopapierhersteller beziehen sich dabei auf die Tests 402 bis 406 gemäss OECD-Richtlinien, die Aussagen über verschiedene Arten akuter Toxizität machen. Der erbitterte Expertenstreit ist in vollem Gange.

Die Chemikalie steckt aber auch im aktiven Belag von Thermopapier, und zwar in vergleichsweise hohen Konzentrationen. Solches Thermopapier halten KonsumentInnen fast täglich in den Händen: Die meisten Kassabons werden auf Thermopapier gedruckt. KassiererInnen haben dutzend- und hundertfach damit zu tun.

Das Kantonale Labor Zürich (KLZH) hat im Auftrag des Konsumentenmagazins "Espresso" nachgemessen: Zwischen 1 und 1,7 Prozent des Gewichtes der analysierten Quittungen aus Thermopapier ist reines Bisphenol A. Diese Werte waren grundsätzlich zu erwarten, ausgehend von den Zahlen, die die Industrie in einer EU-Risikobeurteilung (Seite 18ff, 3.1.2.5 "Thermal paper recycling") bekanntgegeben hatte:

Bild 2: Der Weg von Bisphenol A

Tests zeigen nun: Wenn man diese Kassenzettel berührt, haften innert weniger Sekunden Spuren von BPA auf der Haut. Nach 5 Sekunden Berührung mit trockener Haut waren 0,5 bis 2 Mikrogramm darauf zu messen. Mit feuchter oder ölig / fettiger / schweissiger Haut stieg die gemessene Menge auf bis zu 20 Mikrogramm. Ob 5 oder 60 Sekunden in den Fingern gehalten, spielte dabei keine grosse Rolle. Die Menge BPA auf der Haut veränderte sich kaum.

Das KLZH untersuchte zudem, wie sich das BPA auf der Haut verhält: Das Labor gab eine bestimmte Menge auf die Finger und stellte fest, dass 90 Minuten später fast nichts mehr davon zu messen wahr. Dies lege die Vermutung nahe, dass das BPA in die Haut eingedrungen sei, denn abdampfen / verdunsten habe es nicht können.

Das KLZH legt allerdings Wert darauf, dass dies "höchstens vorläufige Messungen" seien. Und dass die "dermale Aufnahme von Substanzen" nicht im "Kompetenzbereich des Kantonalen Labors" liege. Versuche anderer Labors vor einigen Jahren haben darauf hingewiesen, dass BPA von tierischer und menschlicher Haut grundsätzlich aufgenommen werden kann. Ein externer Fachmann in Sachen Hautgängikeit medizinischer Wirkstoffe bestätigte gegenüber Radio DRS, dass aus seiner Sicht, das BPA-Molekül - theoretisch - ideale chemisch-physikalische Eigenschaften besitze, um von der Haut aufgenommen zu werden.

Die angefragten Grossverteiler Migros, Coop und Manor wussten bisher nichts von dem BPA im Thermopapier ihrer Quittungen. Sie stellen sich gegenüber "Espresso" auf den Standpunkt, dass es Sache der Behörden sei, zu entscheiden, ob in der Frage Handlungsbedarf bestehe.

Über das Recycling gelangt Thermopapier in den Altpapierkreislauf (siehe Bild 2). Messungen des KLZH haben Bisphenol A unter anderem in Schweizer WC-Papieren nachgewiesen, die zu 100% aus Recycling-Material bestehen: um die 6 mg/kg. Dieser Wert liegt im Bereich dessen, was andere Autoren in ihren Analysen australischer, chinesischer und deutscher Produkte gefunden hatten. Via Recycling-WC-Papier gelangt die Chemikalie über das Abwasser in die Umwelt. Die Wasserforschungsanstalt EAWAG hat u.a. bei der ARA (Abwasserreinigungsanlage) Regensdorf BPA im Abwasser nachgewiesen. Sein Anteil an den gemessenen so genannten "Mikroverunreinigungen" beträgt rund 6%:


Versuche belegen, dass Bisphenol A den Hormonhaushalt empfindlicher Wasserlebewesen stört. Für die EAWAG wär es wünschenswert, dass Toilettenpapier als Quelle für BPA im Abwasser eliminiert würde, sei es durch Stop des Recyclings von Thermopapier oder den Ersatz des BPAs darin. Der WWF Schweiz fordert aufgrund der Recherchen von "Espresso" ein Verbot des Stoffes.

Der schweizerdeutsche Beitrag aus Espresso vom 26.1.2010 über BPA in Thermopapier und was passiert, wenn wir es berühren:



Der schweizerdeutsche Beitrag aus Espresso vom 27.1.2010 über BPA in Toilettenpapier und was passiert, wenn wir es den Ablauf runterspülen:



P.S. Die Idee zu dieser Recherche entstand nach der Lektüre von Janet Raloffs Artikel "concerned about BPA? check your receipts!"