Künstliche Süsstoffe sind weit verbreitet. Sie ersetzen Zucker in der Regel dort, wo ein Nahrungsmittel süss sein muss, aber weniger oder keine Kalorien enthalten soll. Stichwort: Light-Produkte. Einer dieser Süssstoffe heisst Acesulfam. Wo Acesulfam überall drin steckt, zeigt z.B. die Site codecheck.info bei einer Suche nach dem Namen. Sie kennt 458 Produkte. Acesulfam ist 200 mal süsser als normaler Kristallzucker. Eine seiner Haupteigenschaften: Es wird nicht abgebaut, weder in unserem Körper, noch in der Kläranlage, noch sonst in der Umwelt.
Die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil hat darum im Kanton Zürich an verschiedensten Orten nach Aceslufam gesucht. Und den Stoff tatsächlich in sehr vielen ihrer Proben nachweisen können: In Flüssen, Seen, im Grundwasser und auch an einigen Orten im Hahnenwasser daheim (Medienmitteilung). Über die Ergebnisse erscheint heute im Fachmagazin "Environmental Science & Technology" ein Artikel, begleitet von einem ausführlichen Kommentar der Zeitschrift. Die Frage an Hauptautor Ignaz Bürge: Acesulfam im Wasser, das aus dem Hahnen fliesst, muss ich mir Sorgen machen?
Zu hören heute am Nachmittag auf DRS4News.
Wenn ich's mir recht überlege, passt's mir aber trotzdem nicht, dass ich - zumindest an einigen Orten in der Schweiz - via das Trinkwasser künstlichen Süssstoff schlucke, ohne dass ich das wirklich will. Was, wenn ich um Saccharin, Aspartam, Acesulfam etc. in Essen und Trinken einen grossen Bogen machen will, aber daheim eines davon halt zum Wasserhahnen rauskommt... eventuell sogar, ohne dass ich davon weiss? That's wrong! Die Suche nach Acesulfam bei PubMed gibt einige Resultate. Darunter auch ein jüngerer Artikel aus Indien, wo im Tierversuch bei hohen Dosen (nicht zu vergleichen mit den im Wasser gefundenen Konzentrationen!) eine Wirkung festgestellt wurde: "Swiss albino mice, Mus musculus, were orally administered with different concentrations of aspartame (ASP; 7, 14, 28, and 35 mg/kg body weight), acesulfame-K (ASK; 150, 300, and 600 mg/kg body weight), and saccharin (50, 100, and 200 mg/kg body weight) individually. (...) The comet parameters of DNA were increased in the bone marrow cells due to the sweetener-induced DNA strand breaks, as revealed by increased comet-tail extent and percent DNA in the tail. ASK and saccharin were found to induce greater DNA damage than ASP.)
Und es gibt bis auf den heutigen Tag Stimmen, die sagen, die Sicherheit von Acesulfam sei nie sauber nachgewiesen worden. Die Tierversuche, die Hoechst in den 70er Jahren (!) mit Acesulfam gemacht habe, seien "poorly designed, badly executed, and data from the studies weren’t analyzed properly", sagt die Medizinerin Myra L. Karstadt, die das Thema seit längerem verfolgt. Muss ich mir vielleicht trotzdem Sorgen machen? Naja, zum Glück lassen sich künstliche Süssstoffe in der Regel relativ leicht umgehen. Solang Du sie nicht im Trinkwasser hast.
Donnerstag, 7. Mai 2009
Dienstag, 28. April 2009
So schnell geht's...
Kaum ist man mal eine Woche weg, geht's gleich drunter und drüber! Blogwerk stellt medienlese.com ein. Peter Sennhauser reagiert auf die Meldungen dazu aus dem Publikum mit 5 klarsichtigen Thesen zum Medienumbruch. Als indirekte Antwort sammelt betterplace in Rekordzeit das Gehalt für Ronnie Grob bis Oktober zusammen, damit 6vor9 nicht untergeht (UPDATE 29.4.: erfolgreich). ugugu macht den Gastredner beim Medienspiegel. Twitter ist schlecht für Dich - oder doch nicht? Die SRG baut um. Und die Schweinegrippe bricht aus...
Freitag, 17. April 2009
David Gugerli: "Suchmaschinen - Die Welt als Datenbank"
Was haben Robert Lembkes "Was bin ich", Eduard Zimmermanns "Aktenzeichen XY", Horst Herolds "Rasterfahndung" und Edgar Codds Erfindung der "relationalen Datenbank" gemeinsam? David Gugerli, Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich hat zwischen den vier sehr unterschiedlichen Personen einen roten Faden gefunden. Und darüber ein Buch geschrieben.
Lembke, Zimmermann, Herold und Codd: Sie stehen bei David Gugerli, radikal abstrahiert muss man sagen, für 4 unterirdisch miteinander verwandte Varianten, um Ordnung zu schaffen. Lembke ordnet einer Person einen Beruf zu, dabei hilft im sein vierköpfiges Rateteam. Zimmermann trennt die Abweichung vom Normalen, den Verbrecher von den Normalbürgern - mit Hilfe des Publikums, das er, Zimmermann selber, schon früh als überdimensionalen, lebenden Computer bezeichnete. Herold, in den 70er Jahren Chef des Deutschen Bundeskriminalamtes BKA, findet im gesellschaftlichen Durcheinander das auffällige Verhalten, exemplarisch von ihm durchexerziert bei der computerunterstützten Suche nach den Mitgliedern der Rote Armee Fraktion RAF. Codd schliesslich, der geniale Informatiker im Dienste von IBM, erfand in den 70er Jahren, das Konzept, nach dem heute alle wichtigen, grossen Datenbanken aufgebaut sind. Codd trennte die Art, wie die Daten gespeichert sind, von der Abfrage der Daten. Erst mit dieser Trennung lassen sich die jetzt autonom abgelegten Informationen nach immer neuen, beliebigen Kriterien durchsuchen und ordnen.
David Gugerli arbeitet in seinem Buch auf nur 90 knappen Seiten heraus, wie Lembke, Zimmermann, Herold und Codd auf je eigene Weise dazu beitrugen, dass programmiertes und technisiertes Suchen in den letzten vier Jahrzehnten zur Selbstverständlichkeit wurde. Nur als ein Beispiel: Welcher mittlere oder grössere Betrieb einer x-beliebigen Branche arbeitet heute nicht mit der einen oder anderen Version der Managementsoftware des Herstellers SAP? Dahinter steckt im Kern nichts anderes als eine Computer-Datenbank mit spezialisierten Abfragen. Das Management von globalisierten, multinationalen Konzernen oder die Arbeit von Grossbürokratien in Industriestaaten würden zusammenbrechen ohne Datenbanken. Dies gilt es im Bewusstsein zu behalten.
In diesem Sinne leistet David Gugerli ganz wichtige Aufklärungsarbeit. Und er tut das kenntnisreich, humorvoll, elegant und in einer immer verständlichen Sprache. Das Buch ist ein kleines Juwel. Es sollte zur Pflichtlektüre in jedem Informatikunterricht gehören. Ich bin versucht zu sagen: Kein Besuch bei der marktbeherrschenden Suchmaschine mehr vor der Lektüre von David Gugerlis Buch. Es führt auf leicht verdaubare Weise zur Erkenntnis hin, dass es nicht das Geld ist, das die Welt regiert. Sondern es sind die Datenbanken.
Und so tönte das am Radio heute (click auf's Dreieck zum hier Hören):
Und da gibt's das Audiofile.
NACHTRAG 29.6.09: Da hat's eine ausführliche Besprechung des Buches auf der Site der "Society of the Query" Konferenz, die am 13./14. November in Amsterdam stattfindet.
Lembke, Zimmermann, Herold und Codd: Sie stehen bei David Gugerli, radikal abstrahiert muss man sagen, für 4 unterirdisch miteinander verwandte Varianten, um Ordnung zu schaffen. Lembke ordnet einer Person einen Beruf zu, dabei hilft im sein vierköpfiges Rateteam. Zimmermann trennt die Abweichung vom Normalen, den Verbrecher von den Normalbürgern - mit Hilfe des Publikums, das er, Zimmermann selber, schon früh als überdimensionalen, lebenden Computer bezeichnete. Herold, in den 70er Jahren Chef des Deutschen Bundeskriminalamtes BKA, findet im gesellschaftlichen Durcheinander das auffällige Verhalten, exemplarisch von ihm durchexerziert bei der computerunterstützten Suche nach den Mitgliedern der Rote Armee Fraktion RAF. Codd schliesslich, der geniale Informatiker im Dienste von IBM, erfand in den 70er Jahren, das Konzept, nach dem heute alle wichtigen, grossen Datenbanken aufgebaut sind. Codd trennte die Art, wie die Daten gespeichert sind, von der Abfrage der Daten. Erst mit dieser Trennung lassen sich die jetzt autonom abgelegten Informationen nach immer neuen, beliebigen Kriterien durchsuchen und ordnen.
David Gugerli arbeitet in seinem Buch auf nur 90 knappen Seiten heraus, wie Lembke, Zimmermann, Herold und Codd auf je eigene Weise dazu beitrugen, dass programmiertes und technisiertes Suchen in den letzten vier Jahrzehnten zur Selbstverständlichkeit wurde. Nur als ein Beispiel: Welcher mittlere oder grössere Betrieb einer x-beliebigen Branche arbeitet heute nicht mit der einen oder anderen Version der Managementsoftware des Herstellers SAP? Dahinter steckt im Kern nichts anderes als eine Computer-Datenbank mit spezialisierten Abfragen. Das Management von globalisierten, multinationalen Konzernen oder die Arbeit von Grossbürokratien in Industriestaaten würden zusammenbrechen ohne Datenbanken. Dies gilt es im Bewusstsein zu behalten.
In diesem Sinne leistet David Gugerli ganz wichtige Aufklärungsarbeit. Und er tut das kenntnisreich, humorvoll, elegant und in einer immer verständlichen Sprache. Das Buch ist ein kleines Juwel. Es sollte zur Pflichtlektüre in jedem Informatikunterricht gehören. Ich bin versucht zu sagen: Kein Besuch bei der marktbeherrschenden Suchmaschine mehr vor der Lektüre von David Gugerlis Buch. Es führt auf leicht verdaubare Weise zur Erkenntnis hin, dass es nicht das Geld ist, das die Welt regiert. Sondern es sind die Datenbanken.
Und so tönte das am Radio heute (click auf's Dreieck zum hier Hören):
Und da gibt's das Audiofile.
NACHTRAG 29.6.09: Da hat's eine ausführliche Besprechung des Buches auf der Site der "Society of the Query" Konferenz, die am 13./14. November in Amsterdam stattfindet.
Freitag, 3. April 2009
Vom Elend der helvetischen Medienforschung - rebell.tv meets Russ-Mohl
SMS hat Stephan Russ-Mohl getroffen am Kongress "War, Media and the public Sphere". R-M sagt darin einige bemerkenswerte Dinge. Sinngemäss: Die Medienforschung hat traditionellerweise vor allem Medienprodukte, -inhalte und -ergebnisse im Fokus. Aber der Herstellungsprozess der Medien werde zu wenig berücksichtigt in der Forschung. R-M sagt, er sehe die Gefahr,
Aber R-M bringt's noch dicker! SMS fragt ihn sinngemäss, was er vom Vorschlag halte, der Staat solle einspringen zur Stützung des Qualitätsjournalismus. R-M antwortet darauf, das würde zu einer noch grösseren Verbandelung von Medien und Politik führen. Dann sei die Presse- und Meinungsfreiheit gefährdet. Das würde zu "übergrossen Bürokratien" führen, wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wenn man dort genauer hingucke und mal schaue, wieviele Leute da sitzen würden [hallo, ich bin einer davon!], dann sehe man, dass da das Preis-/Leistungsverhältnis nicht stimme im Vergleich zu den privaten Medien. Bumms, das sitzt! So als Behauptung in den Raum gestellt klingt R-Ms Aussage natürlich in gewissen Ohren sexy und passt allen Kritikern des dualen Systems perfekt in den Kram! Ist also z.B. Radio DRS erst dann eine gutes Radio DRS, wenn es mit seinen 6 Sendern (DRS1-4 + Virus, Musikwelle) die Grösse von 6 x Radio1 / Argovia / Radio 24 hat? headcount Radio1 over all: 69 (inkl. kleinprozentigen Kolumnisten), Radio Argovia: 49, Radio 24: rund 70. Vollzeitstellen bei DRS: 715. Mal grob gesagt, besteht R-Ms "übergrosse Bürokratie" darin, dass bei Radio DRS ungefähr doppelt so viele Leute pro Sender arbeiten wie bei den grösseren Privaten. Nehmen wir mal an, in dubio pro reo - und weil ich Partei bin -, dass mehr Leute auch mehr Qualität bedeuten. Dann müssten also die 6 DRS-Sender insgesamt doppelt so gut sein, wie 6 Privatsender zusammen. Meiner unbescheidenen Meinung nach, bringt das Radio DRS mit links hin! Nix von übergrosser Bürokratie! R-M, erst die Facts checken, bevor Sie irgendwelche haltlosen Behauptungen in die Welt posaunen!
Und Ihr Institut wird als Universitätsinstitution übrigens auch vom Staat finanziert. Sie würden von sich wohl kaum behaupten, sie seien darum zu sehr mit dem Staat verbandelt und darum sei ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt! Warum soll für die vom Staat finanzierte Wissenschaft (Unis, SNF usw.) nicht gelten, was sie allfällig vom Staat finanzierten Medien andichten? Argumente bitte, statt Polemik!
Aber einen hat er doch noch: SMS fragt ihn auch, was er von der Idee hält, dass Stiftungen sich für Qualitätsjournalismus engagieren. R-M sieht auch da keine Hoffnung. Stiftungen würde nur anfinanzieren, sich dann aber zurückziehen. Stiftungen können nicht leisten, was die traditionellen Medienunternehmen leisteten. Das könne nicht funktionieren. Da ist sie wieder, die unbelegte Behauptung! Das scheint mir vor allem Ausdruck von R-Ms Phantasielosigkeit, um nicht zu sagen Denkfaulheit! Ich bleib dabei (vorerst ist das auch nur eine Behauptung, zugegeben): Guter Recherchierjournalismus ist nah verwandt mit wissenschaftlicher Forschung. Und sollte darum auch ähnlich finanziert werden!
dass wir zuwenig die Produktionsprozesse und Etappen darin anschauen und wo überall da Fehler / Verzerrungen sich einschleichen können. Das ist mir ein grosses Anliegen, aber da kann man leichter darüber theoretisieren als diesen Prozess analysieren.Dass die Produktionsbedingungen mal genauer untersucht gehören, ist sicher wahr. Aber dass das so unheimlich schwierig sei, das ist - mit Verlaub - Mumpitz! Fragt halt nach bei der Ethnologie! Schaut den Medienleuten doch einfach mal als "teilnehmende Beobachter" über die Schulter! Wagt euch in den Mediendschungel! Beobachtet die Journis wie die Ethnologie die "Wilden" beobachtet. So verdammt schwierig ist das ja nicht!
Aber R-M bringt's noch dicker! SMS fragt ihn sinngemäss, was er vom Vorschlag halte, der Staat solle einspringen zur Stützung des Qualitätsjournalismus. R-M antwortet darauf, das würde zu einer noch grösseren Verbandelung von Medien und Politik führen. Dann sei die Presse- und Meinungsfreiheit gefährdet. Das würde zu "übergrossen Bürokratien" führen, wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wenn man dort genauer hingucke und mal schaue, wieviele Leute da sitzen würden [hallo, ich bin einer davon!], dann sehe man, dass da das Preis-/Leistungsverhältnis nicht stimme im Vergleich zu den privaten Medien. Bumms, das sitzt! So als Behauptung in den Raum gestellt klingt R-Ms Aussage natürlich in gewissen Ohren sexy und passt allen Kritikern des dualen Systems perfekt in den Kram! Ist also z.B. Radio DRS erst dann eine gutes Radio DRS, wenn es mit seinen 6 Sendern (DRS1-4 + Virus, Musikwelle) die Grösse von 6 x Radio1 / Argovia / Radio 24 hat? headcount Radio1 over all: 69 (inkl. kleinprozentigen Kolumnisten), Radio Argovia: 49, Radio 24: rund 70. Vollzeitstellen bei DRS: 715. Mal grob gesagt, besteht R-Ms "übergrosse Bürokratie" darin, dass bei Radio DRS ungefähr doppelt so viele Leute pro Sender arbeiten wie bei den grösseren Privaten. Nehmen wir mal an, in dubio pro reo - und weil ich Partei bin -, dass mehr Leute auch mehr Qualität bedeuten. Dann müssten also die 6 DRS-Sender insgesamt doppelt so gut sein, wie 6 Privatsender zusammen. Meiner unbescheidenen Meinung nach, bringt das Radio DRS mit links hin! Nix von übergrosser Bürokratie! R-M, erst die Facts checken, bevor Sie irgendwelche haltlosen Behauptungen in die Welt posaunen!
Und Ihr Institut wird als Universitätsinstitution übrigens auch vom Staat finanziert. Sie würden von sich wohl kaum behaupten, sie seien darum zu sehr mit dem Staat verbandelt und darum sei ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt! Warum soll für die vom Staat finanzierte Wissenschaft (Unis, SNF usw.) nicht gelten, was sie allfällig vom Staat finanzierten Medien andichten? Argumente bitte, statt Polemik!
Aber einen hat er doch noch: SMS fragt ihn auch, was er von der Idee hält, dass Stiftungen sich für Qualitätsjournalismus engagieren. R-M sieht auch da keine Hoffnung. Stiftungen würde nur anfinanzieren, sich dann aber zurückziehen. Stiftungen können nicht leisten, was die traditionellen Medienunternehmen leisteten. Das könne nicht funktionieren. Da ist sie wieder, die unbelegte Behauptung! Das scheint mir vor allem Ausdruck von R-Ms Phantasielosigkeit, um nicht zu sagen Denkfaulheit! Ich bleib dabei (vorerst ist das auch nur eine Behauptung, zugegeben): Guter Recherchierjournalismus ist nah verwandt mit wissenschaftlicher Forschung. Und sollte darum auch ähnlich finanziert werden!
Dienstag, 31. März 2009
Genossenschaft vs. Aktiengesellschaft - zu Hirschis 30stem
Die selbstverwaltete Basler Genossenschaftsbeiz Hirscheneck (a.k.a. Hirschi) feiert ihren 30sten Geburtstag vom 1. Mai mit einem Kongress kommendes Wochenende an der Uni Basel zum Thema Selbstverwaltung und Genossenschaft. Robert Purtschert, emeritierter Professor der Uni Fribourg, Institut für Verbandsmanagement, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Funktionieren und Wirken auch von Genossenschaften. Er versteht sie als wichtiges Korrektiv gegenüber den rein profitgetriebenen Aktiengesellschaften. Er nennt das Verhältnis von AGs und Genossenschaften "Wettbewerb der Systeme". Als Vorteil sieht er, dass sie nicht einfach übernommen werden können. Und sie dürfen z.B. als Kultur- (Migros) oder Biolandbauförderer (Coop) Ziele verfolgen, die über das reine Profitstreben hinausgehen. Für Rutschert wäre es ein grosser Fehler, wenn z.B. Migros oder Coop oder Raiffeisen in reine Aktiengesellschaften umgewandelt würden. Allerdings hält er es für wenig wahrscheinlich, dass eine heute neugegründete Genossenschaft den Erfolg von Migros / Raiffeisen / Mobiliar etc. wiederholen könnte. Dem würd ich entgegenhalten: Was ist mit Mobility? Deren Geschichte beweist doch: Wenn eine Genossenschaft mit ihrer Ausrichtung ein klar definiertes Bedürfnis ihrer Mitglieder gut befriedigt, kann sie auch heute rasant wachsen. Das könnte ja auch ein Informationsbedürfnis sein, befriedigt aus den Reihen der Genossenschaft für die Genossenschaft... Aha, sowas Ähnliches gibt's schon? Dann braucht's halt mehr davon! Das sind die Fragen, die Robert Purtschert mir beantwortet:
Was sind die formaljuristischen Kerncharakteristika jeder Genossenschaft, egal ob Velowerkstatt oder Detailhandelskette?
Wer sich zu einer Genossenschaft zusammentut mit Gleichgesinnten, macht damit auch eine Aussage. Denn eine Genossenschaft verfolgt per definitionem andere Ziele / hat eine andere innere Mechanik als eine simple profitorientierte Aktiengesellschaft. Was sind die impliziten Aussagen einer Genossenschaftsgründung?
Es gibt sehr grosse Firmen, die eigentlich Genossenschaften sind: Migros, Coop, Raiffeisen, Mobiliar, Patria, Mobility. Es gibt andererseits auch die kleine Genossenschaftsbeiz an der Ecke. Was tragen die Grossen noch in sich von ihren kleinen Anfängen?
Warum sind die Grossen nicht schon lange AGs? Was bringt ihnen die Form der Genossenschaft heute?
Stichwort Wirtschaftskrise: Inwiefern können in Krisenzeiten die genossenschaftliche Organisationsform und die Selbstverwaltung Auswege aus dem wirtschaftlichen Niedergang zeigen? Oder anders rum: In welchen wirtschaftlichen Feldern könnte durch die Wirtschaftskrise das genossenschaftliche Denken eine Renaissance erleben?
Geht es ArbeitnehmerInnen im Durchschnitt in Genossenschaften auf’s Ganze gesehen anders als in simplen privaten oder öffentlichen Aktiengesellschaften? Wie wirkt sich die Tatsache aus, dass ich Genossenschafter bin meines Arbeitgebers?
In den Bereichen, in denen grosse Genossenschaften aktiv sind, gibt’s aber auch knallharte kommerzielle Konkurrenz. Wie gestaltet sich das Verhältnis von Genossenschaft und Kapitalgesellschaft auf dem „Freien Markt“? Wie beeinflusst die eine die andere? Z.B. im Wohnungsmarkt?
Lebensmittelversorgung, Versicherung, Wohnungsbau, Mobilität: Typische Felder von mittleren und grossen Genossenschaften. Wie ist zu erklären, dass Genossenschaften häufig wurzeln in unmittelbaren, existenziellen Bedürfnissen?
Und da gibt's das Interview als Audiofile. Oder click auf's Dreieck zum hier Hören:
Dies ist übrigens die plusminus ungeschnittene Fassung des Interviews, dessen gekürzte Version hier zu hören war.
Was sind die formaljuristischen Kerncharakteristika jeder Genossenschaft, egal ob Velowerkstatt oder Detailhandelskette?
Wer sich zu einer Genossenschaft zusammentut mit Gleichgesinnten, macht damit auch eine Aussage. Denn eine Genossenschaft verfolgt per definitionem andere Ziele / hat eine andere innere Mechanik als eine simple profitorientierte Aktiengesellschaft. Was sind die impliziten Aussagen einer Genossenschaftsgründung?
Es gibt sehr grosse Firmen, die eigentlich Genossenschaften sind: Migros, Coop, Raiffeisen, Mobiliar, Patria, Mobility. Es gibt andererseits auch die kleine Genossenschaftsbeiz an der Ecke. Was tragen die Grossen noch in sich von ihren kleinen Anfängen?
Warum sind die Grossen nicht schon lange AGs? Was bringt ihnen die Form der Genossenschaft heute?
Stichwort Wirtschaftskrise: Inwiefern können in Krisenzeiten die genossenschaftliche Organisationsform und die Selbstverwaltung Auswege aus dem wirtschaftlichen Niedergang zeigen? Oder anders rum: In welchen wirtschaftlichen Feldern könnte durch die Wirtschaftskrise das genossenschaftliche Denken eine Renaissance erleben?
Geht es ArbeitnehmerInnen im Durchschnitt in Genossenschaften auf’s Ganze gesehen anders als in simplen privaten oder öffentlichen Aktiengesellschaften? Wie wirkt sich die Tatsache aus, dass ich Genossenschafter bin meines Arbeitgebers?
In den Bereichen, in denen grosse Genossenschaften aktiv sind, gibt’s aber auch knallharte kommerzielle Konkurrenz. Wie gestaltet sich das Verhältnis von Genossenschaft und Kapitalgesellschaft auf dem „Freien Markt“? Wie beeinflusst die eine die andere? Z.B. im Wohnungsmarkt?
Lebensmittelversorgung, Versicherung, Wohnungsbau, Mobilität: Typische Felder von mittleren und grossen Genossenschaften. Wie ist zu erklären, dass Genossenschaften häufig wurzeln in unmittelbaren, existenziellen Bedürfnissen?
Und da gibt's das Interview als Audiofile. Oder click auf's Dreieck zum hier Hören:
Dies ist übrigens die plusminus ungeschnittene Fassung des Interviews, dessen gekürzte Version hier zu hören war.
Donnerstag, 5. März 2009
Die Machtfrage im Journalismus
Darf ich mich bestätigt fühlen in meinem Vorurteil, dass die Teppichetage ihre Schreiberlinge (Sprecherlinge und Bilderlinge gibt's im Deutschen leider nicht) nur als nützliche Idioten betrachtet, wenn im jüngsten Klartext sogar Hanspeter Spörri, der ehemalige Chefredaktor des Bund, schreibt
Optimist Spörri verspricht sich für meinen Geschmack etwas gar zuviel von den kooptierten "RedaktorInnen und ReporterInnen". Zwar schreibt er gegen burnt-out Manager und für Arbeitsgruppen mit Basisbeteiligung, meint aber dennoch wohl schlicht ein professionelles Innovationsmanagement im Medienbereich im Sinne des Systems! Die Machtfrage stellt er nicht. Obwohl er die Indizien auf dem Tisch hat dafür, dass sie auf die Traktandenliste gehört. Kurz vor der Erkenntnis, dass der Hund in der hierarchischen Struktur begraben liegt, gibt Spörri auf. Schade. Erst die Verknüpfung mit der Alternative machte aus seinem interessanten den wirklich mutigen Gedanken.
(...) es herrscht Unfrieden zwischen Unternehmensführungen und Redaktionen. VerlagsmanagerInnen misstrauen ihren JournalistInnen. Sie vermuten, Medienschaffende würden nicht begreifen oder könnten nicht akzeptieren, was sie selber zu wissen glauben: dass heute ein anderer Journalismus gefragt sei; einer, der knapper, boulevardesker, zugespitzt und personifiziert daherkommen müsse – oder jedenfalls billiger und rezyklierter.Nein. Das wär zu billig! Sagen wir so: Es stärkt das Unbehagen. Und das ist gut! Spörri rät, die Arbeitsgruppen,
welche Sparprogramme entwerfen, Fusionen vorbereiten, Layouts entwickeln und Online-Strategien konzipieren, nicht mehr nur mit erschöpften Kaderleuten und selbstverliebten Zeitgeistsurfern bestücken, die um ihre Karriere besorgt sind und sich herrschenden Meinungen widerstandslos anschliessen, sondern mehr mit kontrovers diskutierenden RedaktorInnen und ReporterInnen jeglicher Couleur und jeden Alters.Sowas entfernt in der Art startet bei DRS2 übrigens genau dieses Jahr, beschlossen schon tief im '08. Mehr sei hier nicht verraten! Vielleicht wär's für diese Arbeitsgruppe ganz aufschlussreich, in diesem Panel bei m4music reinzuhören? Schaden würd's sicher nicht.
Optimist Spörri verspricht sich für meinen Geschmack etwas gar zuviel von den kooptierten "RedaktorInnen und ReporterInnen". Zwar schreibt er gegen burnt-out Manager und für Arbeitsgruppen mit Basisbeteiligung, meint aber dennoch wohl schlicht ein professionelles Innovationsmanagement im Medienbereich im Sinne des Systems! Die Machtfrage stellt er nicht. Obwohl er die Indizien auf dem Tisch hat dafür, dass sie auf die Traktandenliste gehört. Kurz vor der Erkenntnis, dass der Hund in der hierarchischen Struktur begraben liegt, gibt Spörri auf. Schade. Erst die Verknüpfung mit der Alternative machte aus seinem interessanten den wirklich mutigen Gedanken.
Freitag, 27. Februar 2009
Guter Journalismus = wissenschaftliche Forschung
Rainer Stadler stellte unlängst fest, die "alte Medien-Schweiz" sei am Untergehen. Die Diagnose ist vielleicht zutreffend, aber nicht allzu neu. Norbert Neininger-Schwarz, Verleger und Chefredaktor der "Schaffhauser Nachrichten", hieb in dieselbe Kerbe mit seiner Forderung nach einer "vertieften Debatte über Presseförderung". Ihm fallen dabei aber auch keine grundlegend neuen Ansätze ein. Er will:
Stadler / Neininger und Konsorten sind Gefangene ihres (nur fallweise opportunistisch aufgegebenen) Marktfundamentalismus. Diese Position verunmöglicht die Erkenntnis, dass guter Journalismus näher ist bei der wissenschaftlichen Forschung als beim Werbetexten. Solange der Rubel rollt, wahren die Einwohner der Teppichetagen den Anschein, dass sie die Bild-, Ton- und Textarbeiter für mehr als nur nützliche Idioten halten. Die Zeiten sind vorbei. Wenn die NZZ ihren Inland-Bund am 21.2.09 beginnt mit Stadlers Leitartikel "Der Untergang der alten Medien - Schweiz", dann dürfen wir annehmen, dass unter den Medienmanagern bereits die nackte Panik herrscht. Damit naht der Moment, da jene, die tatsächlich den journalistischen Erkenntniswert schaffen, sich von ihren formaljuristischen Vorgesetzten emanzipieren müssen. Der erreichte technologische Fortschritt macht dies leichter denn je. Die Produktionsmittel sind de facto sozialisiert. Jene, die früher darüber verfügten, geben dies natürlich ungern zu.
Aber wie weiter? Die Redaktionen radikal öffnen, wie Dave Winer vorschlägt? Kann ein Ansatz sein. Die Frage der Finanzierung ist damit noch nicht beantwortet. Die strukturelle Verwandtschaft von wissenschaftlicher Grundlagenforschung und seriösem Recherchierjournalismus wäre dazu genauer zu untersuchen. Und zu belegen. Instinktiv scheint sie mir gegeben, aber das reicht natürlich nicht. In den USA (ja genau da!) existiert ein interessantes Phänomen in dieser Hinsicht. Da hat ein Milliardärsehepaar, Marion und Herb Sandler, über ihre Stiftung eine Organisation ins Leben gerufen namens ProPublica:
Verbilligung der Zeitungszustellung (Rückkehr zum ursprünglichen Modell), Abschaffung der Mehrwertsteuer für Medienerzeugnisse, Unterstützung der Nachrichten- und Bildagenturen, Unterstützung der Ausbildungsinstitute, Unterstützung der Leserschaftsforschung, Unterstützung qualitätsfördernder Institutionen, Rabattverzicht bei staatlichen oder öffentlichrechtlichen KampagnenDie Politik soll dabei aber nur nicht meinen, sie erkaufe sich für diese Konzessionen irgendwelchen Einfluss:
Das «Wer zahlt, befiehlt»-Prinzip kann nur durchbrochen werden, wenn sich die Verleger und Politiker früh darauf einigen, dass Presseförderung in erster Linie indirekt und ohne staatlichen Einfluss auf die Inhalte (...) erfolgt.Intermezzo: Bröckeln die Löhne in den Chefetagen der Medienhäuser eigentlich im gleichen Masse, wie im Kohlekeller bei jenen, die ranschaffen, was jenes Publikum herlockt, das die Inserateabteilung dann den Mediaagenturen verkaufen kann? Wer bekommt noch real die Zeit bezahlt, die er oder sie für das journalistische Produkt aufgewendet hat? Telepolis berichtet, dass dies in Deutschland, wie hierzulande, schon lange nicht mehr der Fall ist. Übrigens auch nicht bei der öffentlich-rechtlichen SRG, wo immer seltener die aufgeschriebenen Arbeitstage den tatsächlichen Aufwand wiedergeben. Ende Intermezzo.
Stadler / Neininger und Konsorten sind Gefangene ihres (nur fallweise opportunistisch aufgegebenen) Marktfundamentalismus. Diese Position verunmöglicht die Erkenntnis, dass guter Journalismus näher ist bei der wissenschaftlichen Forschung als beim Werbetexten. Solange der Rubel rollt, wahren die Einwohner der Teppichetagen den Anschein, dass sie die Bild-, Ton- und Textarbeiter für mehr als nur nützliche Idioten halten. Die Zeiten sind vorbei. Wenn die NZZ ihren Inland-Bund am 21.2.09 beginnt mit Stadlers Leitartikel "Der Untergang der alten Medien - Schweiz", dann dürfen wir annehmen, dass unter den Medienmanagern bereits die nackte Panik herrscht. Damit naht der Moment, da jene, die tatsächlich den journalistischen Erkenntniswert schaffen, sich von ihren formaljuristischen Vorgesetzten emanzipieren müssen. Der erreichte technologische Fortschritt macht dies leichter denn je. Die Produktionsmittel sind de facto sozialisiert. Jene, die früher darüber verfügten, geben dies natürlich ungern zu.
Aber wie weiter? Die Redaktionen radikal öffnen, wie Dave Winer vorschlägt? Kann ein Ansatz sein. Die Frage der Finanzierung ist damit noch nicht beantwortet. Die strukturelle Verwandtschaft von wissenschaftlicher Grundlagenforschung und seriösem Recherchierjournalismus wäre dazu genauer zu untersuchen. Und zu belegen. Instinktiv scheint sie mir gegeben, aber das reicht natürlich nicht. In den USA (ja genau da!) existiert ein interessantes Phänomen in dieser Hinsicht. Da hat ein Milliardärsehepaar, Marion und Herb Sandler, über ihre Stiftung eine Organisation ins Leben gerufen namens ProPublica:
ProPublica is an independent, non-profit newsroom that produces investigative journalism in the public interest. Our work focuses exclusively on truly important stories, stories with “moral force.” We do this by producing journalism that shines a light on exploitation of the weak by the strong and on the failures of those with power to vindicate the trust placed in them.Recherchierjournalismus als Schosshündchen von liberalen Superreichen? Als Zwischenlösung, warum nicht? Andere, entfernt verwandte Ansätze sind natürlich der Recherchierfonds der WoZ oder von onlinereports.ch. Aber vielleicht ist ein grosser Sprung vorwärts notwendig: Wenn schlüssig zu belegen ist, dass journalistische Recherche für die Gesellschaft gleich wichtig ist, wie wissenschaftliche Forschung, kommen für erstere plötzlich auch neue Finanzierungsquellen in den Blick. Ein Schweizerischer Nationalfonds für die journalistische Recherche? Vielleicht. Auf dem Weg dorthin wäre vorerst innerhalb des bestehenden SNF ein NFP oder ein NFS zu lancieren, das dieses Modell testen würde. Derzeit läuft übrigens wieder die Eingabefrist für neue NFS. Dort sind für bis maximal 12 Jahre je 5 Millionen SFr. zu holen. Mit diesem Geld wäre ein Kern von 30 bis 40 Personen zu bezahlen, die analog zur wissenschaftlichen Grundlagenforschung, nichts anderes zu tun hätten, als - frei von ökonomischen Zwängen und Forderungen von Chefredaktionen oder Geschäftsleitungen - gute Geschichten zu recherchieren. Über die Hindernisse und Fallstricke diskutieren wir später...
Samstag, 7. Februar 2009
Eine Welt ohne "trad." Medien
Dave Winer schlägt in seinem jüngsten Tweet via eine Botschaft auf einer Art Telefonbeantworter vor, es sollte mal jemand eine öffentliche Roundtable-Diskussion organisieren, die von der Prämisse ausgeht, dass wir unsere Informationen bekommen ohne professionelle Nachrichtenorganisationen im herkömmlichen Sinn. Und deren Teilnehmende sich von da aus vorstellen, wie die Welt dann aussieht:
Download: klick hier.
premise: At some point in the not too distant future, we will get our news without professional news organisations acting as the middleman or the bottleneck or the filter or the gatekeeper. (...) we're just going to accept this as a premise. And then from that point try to visualize or envision what the world will be like. how it WILL work (not how it will NOT work! or: WILL it work?). (...) I was thinking of something like a big roundtable. (...)Hören: Klick auf Dreieck.
Download: klick hier.
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