Dienstag, 20. Januar 2009

Duplik auf Horst-Michael Prasser

Drüben bei sciencesofa geht's hin und her in Sachen AKW Ja oder Nein. Weil ich gerne über meine Texte selber verfüge, setze ich meine Duplik auch hier hin:

Die Urangewinnung verseucht auf fünf Kontinenten weite Landstriche, erfolgt teils unter skandalösen Bedingungen und brachte allein in Europa bereits tausende Menschen um durch Krebs. Uran ist nicht erneuerbar. Den so genannten "Brennstoffkreislauf" gibt es nur in der Phantasie der Atomindustrie. Das radioaktive Material kann überall zwischen yellow cake und (nicht vorhandendem) Endlager für hochaktiven Abfall in die falschen Hände geraten - und tut dies regelmässig. Die Herstellung des Reaktorbrennstoffs führt das Land, wo sie stattfindet, meist zur Atombome. Kein Atomkraftwerk der Welt ist adäquat versichert. Im Normalbetrieb geschieht nicht immer etwas, aber immer mal wieder. Vielleicht sterben rund um AKWs Kinder häufiger an Leukämie - vielleicht nicht.
Die Reaktoren der Vierten Generation werden in grossem Masstab waffenfähiges Plutonium 239 produzieren. Operation und Logistik von AKWs implizieren einen hohen polizeilichen, teils militärischen Aufwand. In dessen Windschatten fahren Geheimdienste, die die AKW-Opposition bespitzeln und überwachen. Die Stromindustrie ihrerseits gibt Unsummen aus für pro-AKW-PR, Werbung und Lobbyarbeit auf allen Ebenen und schreckt auch nicht vor Bestechung zurück. Nach bald 40 Jahren Suche ist nirgendwo auf der Welt ein Endlager für den hochradioaktiven Abfall in Betrieb. Ein Teil des Schweizer Atommülls lagert in Würenlingen zwischen (wenn er nicht grad in La Hague die Umgebung verseucht), davon u.a. 75 Kubikmeter Alphastrahler (Plutonium? hier S. 19). Der milliardenteure Sachplan Tiefenlager in der Schweiz hat nur symbolischen Wert, denn eigentlich zieht die Industrie eine "Lösung" im Ausland vor. Die Fusionsenergie? Seit Jahrzehnten und sicher für die nächsten 50 Jahre weiterhin ein jährlich milliardenteures Gerücht! Die Schweiz zahlt bis 2013 rund 2,4 Milliarden Franken an die EU in deren Forschungskasse (<- Seite 8145). Davon gehen mehrere hundert Schweizer Millionen explizit und direkt an die Atomforschung und in Fusionsenergieprojekte. Die EU schüttet im selben Zeitraum insgesamt (Schweizer Beitrag inbegriffen) 6 Milliarden Franken in die Atomforschung (4,5 für Fusion, der Rest Fission etc.; hier S. 8123). Also mehr als 1 Miliarde pro Jahr oder über 3 Millionen Franken pro Tag geben die EU und die Schweiz zusammen für Atomforschung und Verwandte aus. Steuergelder. Nicht Risikokapital der Industrie. Das fliesst erst, wenn Gewinne in Aussicht sind. Profit ist nicht per se ein Problem; auf den Kontext kommt es an! Und der macht Spekulationsgewinne aus Investitionen in AKWs (Seite 4) - gelinde gesagt - unsympathisch.
Sie werben für Ihren Ausbildungsgang unter anderem in dem Sie den Interessenten "experiments on a nuclear teaching reactor" versprechen. Das wird wohl jener älteste Atomreaktor der Schweiz mitten in Basel sein mit seinem zwar kleinen Kern, aber dafür aus hochangereichertem, waffenfähigem Uran (<- siehe S. 25)? Sagen wir mal so: Sollte sich einer meiner Söhne für Ihren Ausbildungsgang interessieren, würde ich ihm aktiv davon abraten. Und ihn auf - über's Ganze gesehen - sinnstiftendere Tätigkeiten wie Schreiner, Arzt, Schriftsteller, IT-Securityfachmann oder Elektrovelodesigner hinweisen. Übrigens: Vom Journalismus würd ich ihm ebenfalls abraten. Aber das ist eine andere Geschichte.

1 Kommentar:

Prasser hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Tschudin

Habe auf Science-Sofa geantwortet:

http://www.sciencesofa.info/2008/12/%e2%80%9eunser-wissensstand-ist-heute-nahezu-perfekt%e2%80%9c-schreibt-die-eth/#comment-189

Viele Grüsse

Michael Prasser